Wir jagen einer illusorischen Vorstellung von Glück hinterher

Die menschlichen Einflüsse auf den Planeten zerstören nicht nur die Umwelt. Sie verringern auch unsere eigene Lebensqualität. Warum stecken wir dennoch in dieser Lebensweise fest? Ein Gespräch mit David Abson, der an der Leuphana-Universität zu Nachhaltigkeitsökonomie forscht und lehrt.

David, was ist Nachhaltigkeit für dich?
Gerechtigkeit in dreierlei Hinsicht: Behandeln wir unsere Mitmenschen gerecht? Sind wir gerecht zu nachfolgenden Generationen? Und lassen wir anderen Lebewesen genug Raum? Seit Jahrzehnten wissen wir, dass wir diese Kriterien nicht erfüllen.


Wieso ändert sich nichts?
Oft handeln wir aus Systemzwang. Wenn ich zum Beispiel keine Plastikverpackungen in meinem Wocheneinkauf will, ist das schwierig, weil es jenseits meines Einflussbereichs liegt. Doch ich brauche das Plastik gar nicht.


Warum kommen wir aus diesem Zwang nicht heraus?
Wirtschaftswachstum ist in unserer Gesellschaft immer noch das oberste Ziel. Ihm fallen viele andere Anliegen zum Opfer. Plastik ist schlecht für die Umwelt, aber wir werden es nicht abschaffen, wenn das der Wirtschaft schadet. Dabei brauchen Deutschland oder eine Stadt wie Lüneburg nicht noch mehr Wachstum. Wir brauchen eine
Vorstellung davon, was ein gutes Leben ausmacht. Mehr Zeit für die Familie etwa oder um auf einer Wiese zu liegen und den Sonnenuntergang anzuschauen. Die gesellschaftliche Ausrichtung auf Wirtschaftswachstum geht auf Kosten von nahezu allen anderen Dingen, die unser Wohlergehen fördern könnten. Das verkörpert zum Beispiel das Bruttoinlandsprodukt, das gern als Indikator für unseren Wohlstand herangezogen wird. Das BIP ist eine gute Messlatte für die Größe unserer Wirtschaft, aber ansonsten weitestgehend nutzlos. Ihm liegt die Annahme zugrunde, dass mit einem hohen BIP eine hohe Kaufkraft einhergeht und dass wir umso zufriedener sind, je mehr wir konsumieren. Zunächst mag das stimmen: Mit steigendem BIP können die Menschen mehr fürs Wohnen ausgeben, für Bildung und Gesundheit. Aber ab einem bestimmten Punkt kippt das. Anders gesagt: Das erste Stück Pizza isst man mit großem Genuss. Das zwanzigste nicht mehr. Doch unser Wirtschaftssystem beruht auf der Annahme, dass der Wohlstand wächst, je mehr Pizza wir essen.


Was kann ich als einzelne Person dagegen tun?
Weniger arbeiten. Das fällt vielen nicht leicht, doch angesichts der Fortschritte in Technologie und Produktivität gibt es keinen Grund, acht Stunden am Tag zu arbeiten, um Dinge herzustellen, die keiner braucht. Wie viel man verdient, bestimmt außerdem maßgeblich, welchen Einfluss man auf die Umwelt hat. Daher sollten wir nicht nur über den Mindestlohn, sondern auch über ein Maximaleinkommen sprechen. Wir sollten den Betrag festlegen, den man braucht, um ein gutes Leben führen zu können. Mehr und mehr Menschen entscheiden sich bereits freiwillig, nicht Vollzeit zu arbeiten, sondern ein einfacheres Leben zu führen. Aber viele haben gar nicht die Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten, weil die Jobs so ausgelegt sind, dass man 40 Stunden die Woche arbeiten muss.


Wie sähe die ideale Epoche nach dem Anthropozän aus?
Sie würde auf Stabilität und Genügsamkeit beruhen statt auf Wachstum. Die Wirtschaft würde nicht größer werden und die Menge an Material und Energie, die wir der Umwelt entnehmen, würde auf ein sinnvolles Maß schrumpfen. Der Grund für das Anthropozän ist doch, dass wir zunehmend die verfügbaren Ressourcen auf diesem Planeten erschöpfen, die ja für alle Lebewesen da sind, die wir aber nur für uns Menschen benutzen – um einer illusorischen Vorstellung von Glück hinterherzujagen. Wir müssen innehalten und uns bewusst machen, was wir wirklich zu unserem Glück brauchen. Darauf sollten wir uns konzentrieren, und nicht darauf, immer mehr zu konsumieren.

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David Abson ist Junior-Professor für Nachhaltigkeitsökonomie und -bewertung an der Leuphana Universität Lüneburg. Nach seinem Bachelorstudium arbeitete er einige Jahre als Ingenieur, reiste sechs Jahre um die Welt und kehrte mit einem neuen Blick auf sie zurück. Die Erde ist schön und so soll sie bleiben, fand der Brite, ging zurück an die Uni und forscht heute unter anderem zu nachhaltigen Ernährungssystemen und dem Nutzen, den Menschen
aus der Natur ziehen.

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Text: Theresa Horbach, Übersetzung aus dem Englischen: Inken Kahlstorff

Foto: Sebastian Reimann