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Experimente in der Bienenwabe

Nördlich der Elbe wird ein ehemaliges Parkgelände zur Brutstätte für Ideen von Großstädtern und Alteingesessenen

Von Anja Humburg und Roy Fabian

Der Ort hat etwas von einem Abenteuerspielplatz. Abseits der sandigen Wege verbergen sich ein zugewuchertes Rosenhaus und ein staubiges Gerätelager, in dem wilde Himbeeren wachsen. Vom Zahn der Zeit gezeichnete Gebäude sind mit Lehm ausgebessert, Wohnwagen und Zelte stehen herum.

Einst befand sich hier, am Rand des Dörfchens Nieklitz im südwestlichen Zipfel Mecklenburg-Vorpommerns, der ökologische „Zukunftspark Mensch – Natur – Technik – Wissenschaft“. Nach dessen Pleite 2013 drohte das rund zehn Hektar große Gelände zu verwildern – bis im Sommer 2016 eine Gruppe vorwiegend junger Menschen aus Berlin und anderen Großstädten das Areal kaufte, um weiter an der Zukunft zu basteln.

„Wir bauen Zukunft“, so nennen sie diesen Ort nun folgerichtig. „Wir betrachten das Gelände und unsere Gemeinschaft als Experimentier- und Forschungsfeld“, beschreibt es Sabrina Meyfeld aus dem Gründungsteam. Die Frage, der sie und die anderen dabei nachspüren: Wie könnte eine enkeltaugliche Zukunft aussehen, die soziale, wirtschaftliche und ökologische Aspekte zusammendenkt und auf Ansätzen wie Kreislaufwirtschaft, Gemeinwohlorientierung oder sozialem Unternehmerinnentum fußt?

Sich ausprobieren und Gefüge knüpfen

Entsprechend vielgestaltig ist die Gruppe, die hinter „Wir bauen Zukunft“ steckt: Lehmbauer und Tischlerinnen gehören genauso dazu wie Erzieher und Projektmanagerinnen. „Wir sind nicht vorrangig Ökodorf oder Lebensgemeinschaft, sondern eine Projektgemeinschaft“, sagt Lale Rohrbeck, die ebenfalls in Nieklitz mitmischt. „Wir bauen Zukunft“ solle kein klassisches Zuhause sein, sondern vielmehr eine Basis, in der sich Menschen gemeinsam ausprobieren und das Gefüge ihres Zusammenseins immer wieder neu knüpfen können.

Anfangs hieß das vor allem: reparieren, herrichten, Unkraut jäten. Jurassic Park, so nannte die Lokalpresse das zunehmend marode Areal bereits. Inzwischen entsteht hier ein neues Jurtendorf, und es gibt renovierte Räumlichkeiten, in denen Workshops zu nachhaltigem Bauen, Permakultur oder Persönlichkeitsentwicklung stattfinden. Auch einen Kompost-Biomeiler hat die Gruppe gebaut, der sie nun mit Warmwasser versorgt. „Wir möchten unsere Vision einfach schon jetzt, im Hier und Heute erlebbar machen“, sagt Sabrina Meyfeld dazu.

Doch bei allem betriebsamen Projektcharakter: In Nieklitz geht es nicht zuletzt auch um ein Ankommen. Lale Rohrbeck etwa wuchs im 20 Kilometer entfernten Rögnitz auf, zog nach Berlin, hegte aber immer den Wunsch zurückzukehren. Als der Zukunftspark bankrott ging und das Gelände zum Verkauf stand, gründete sie mit 16 weiteren Mitstreiterinnen und Mitstreitern „Wir bauen Zukunft“ als Genossenschaft – die schließlich den Zuschlag bekam. „Dieser Ort hier hat eine ganz eigene Magie“, sagt Rohrbeck heute. „Es folgte immer ein Schritt auf den nächsten, vom Kauf bis zu den ersten Baustellen – es klappte immer. Alles war im Fluss.“ Und auch wenn manche Gruppenmitglieder weiterhin zwischen der Stadt und Nieklitz pendeln würden: „Für mich manifestiert sich in diesem Projekt mein Wunsch, hier in der Region zu leben und gleichzeitig inspirierende und gleichgesinnte Menschen um mich zu haben.“

Teil des Ganzen sein, um sich auszutauschen

Dazu gehören unbedingt die Alteingesessenen aus der Umgebung. „Für uns ist es immens wichtig, keine Insel, sondern Teil des Ganzen zu sein, in den Austausch zu kommen und gemeinsam zu gestalten“, so Sabrina Meyfeld. Gelegenheiten dafür gibt es viele, bei den Besuchertagen und Bauwochen, beim Schnack auf lokalen Märkten und Dorffesten – oder wenn ein Nachbar ganz spontan vorbeischaut. „Die meisten hier sind neugierig und finden es spannend, was wir machen“, freut sich Meyfeld. Dass sich die Leute zugleich mit ihren Biografien und ihrem lokalen Wissen einbringen, schätze die Gruppe sehr. Ein Beispiel sei der Kontakt zu den Elektrikfachleuten, die damals die Leitungen des Zukunftsparks legten. „Von ihnen erhalten wir nun breite und ganz individuelle Einblicke in das ‚Vorher‘, was unser Gefühl stärkt, an etwas Dagewesenes anzuknüpfen – auch wenn wir vieles anders machen.“

In der Gemeindevertretung zeigt man sich ebenfalls aufgeschlossen. „Wir finden es schön, dass auf dem Gelände etwas passiert, weil es schade wäre, wenn es komplett verfällt“, sagt Klaus-Dieter Müller, der örtliche Bürgermeister. Und auch wenn so ein Biomeiler vielleicht nichts für jeden Hausbesitzer in der Region sei: „Warten wir mal ab, was bei ‚Wir bauen Zukunft‘ noch so passiert. Schließlich sind das alles hochintelligente Leute.“

Pläne gibt es jedenfalls reichlich: So will sich die Gruppe in diesem Jahr noch stärker mit nachhaltigen Wirtschafts-, Bau- und Energieformen, aber auch Kommunikation und Konfliktlösung beschäftigen.

Ein Geflecht, das bis in die Metropolen reicht

Nicht unwahrscheinlich, dass sich dabei durch das Aufeinandertreffen von Verwurzelten und Weltreisenden, von Landbevölkerung und urbaner „Macherszene“
besondere Qualitäten entfalten. Schon jetzt umspinnt „Wir bauen Zukunft“ ein Geflecht, das aus dem so verschlafen wirkenden Nieklitz zurück in die brummenden Metropolen reicht. So gibt Lale Rohrbeck zusammen mit ihrer Mutter Ute, die fast zwei Jahrzehnte lang eine Ziegenkäserei betrieb, inzwischen Käseseminare in Berlin.

Dieser Geist, er scheint nicht zuletzt im zentralen Begegnungsgebäude des Geländes auf: Symmetrisch geformte Zellen fügen sich dort zu einem großen Element, ganz ähnlich einer Bienenwabe. „Genau so sehe ich ‚Wir bauen Zukunft‘“, sagt Sabrina Meyfeld. „Als eine wunderschöne Wabe, von der aus ich gemeinsam mit anderen für ein größeres Ganzes forschen und wirken möchte.“

www.wirbauenzukunft.de

(Foto: Elia Scholz)