Schwerpunkt

Verbindung ist, wenn es schwingt

 

Menschen trennt vieles.
Zum Beispiel: Stadt und Land, Arm und Reich.
Was verbindet uns?
Drei Beispiele und eine Idee.

Erstes Beispiel: Wandern im Wald

Im Auwald stehen Wanderer an der Ilmenau.
Es ist Dezember. Nebel geht über den Fluss.
Die Wanderer betrachten alles ganz genau: den Wald, den Fluss, den Nebel.

Einer der Wanderer ist Reinhard Behnisch.
Reinhard Behnisch ist Natur-Therapeut, Wandern gehört zu seinem Beruf.
Die Wanderer gehen immer denselben Weg, im Auwald an der Ilmenau.
Sie beobachten, wie sich Wald und Fluss übers Jahr verändern.

Eine kleine Gruppe geht im Wald spazieren.
Foto: Reinhard Behnisch

Wer das sieht, erkennt sich selber, sagt Reinhard Behnisch.
Er fragt: „Wie komme ich mit meiner eigenen Natur in Verbindung?“
Das Ziel der Wanderung: bei sich selber ankommen.

 

Eine Idee

Hartmut Rosa ist Sozio·loge an der Universität Jena.
Der Sozio·loge forscht über die Gesellschaft, darüber, wie wir zusammen leben.
Nicht alle Menschen leben gut zusammen. Nicht alle haben eine Verbindung.
Hartmut Rosa sagt: „Die Menschen nehmen einander als Gruppen wahr,
die nicht miteinander verbunden sind.“
Viele Menschen denken von anderen:

  • Die hören mich nicht,
  • die antworten mir nicht,
  • die sind mir fremd,
  • die sind mir feind.

Das hat Folgen für Menschen, Gesellschaften und Staaten – für unsere Welt.

Hartmut Rosa spricht auf einer Veranstaltung.
Foto: Lara Schönweiss

Hartmut Rosa hat eine Lösung: Resonanz.
Resonanz bedeutet Wider·hall.
Zwischen uns soll Resonanz herrschen.
Und zwischen uns und unserer Umwelt soll Resonanz herrschen.
Wider·hall schwingt. Resonanz berührt und bewegt uns.
Vielleicht verwandelt sie uns.

Im Guten.
Zum Beispiel: Jemand freut sich, das berührt mich.
Oder im Bösen.
Zum Beispiel: Jemand macht Streit, ich streite dagegen.

Resonanz bedeutet: Die Stimme des anderen hören. Und die eigene Stimme hörbar machen.

 

 Zweites Beispiel: Das Dorf

Hannah Heinz ist auf dem Aktiv·spielplatz in Kalten·moor.
Sie hat eine kleine Tochter. Sie erzieht ihre Tochter allein.
Deshalb hat Hannah Heinz ein Experiment gestartet: „das Dorf“.

Frauen und Kinder sitzen draußen. Sie halten Stöcker in ein Lagerfeuer.
Foto: Laurin Berger

Ein Sprich·wort aus Afrika sagt: „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen.“
Ein Erwachsener für ein Kind ist wenig.
Eine Familie allein ist auch nicht viel.
Deshalb hat Hannah Heinz eine Gruppe auf Face·book (sprich: Fäiߞbuck) gegründet.
Hier treffen sich Allein·erziehende und Familien.
Sie verabreden sich zum Spielen, Malen und Backen.
Sie machen normale Sachen. Aber sie machen sie gemeinsam.
Manchmal trifft sich „das Dorf“ am Lager·feuer und backt Stock·brot.

Hannah Heinz wünscht sich mehr Aktionen.
Zum Beispiel zusammen eine Wohnung renovieren:
Die einen streichen, die anderen betreuen die Kinder.

„Das Dorf“ nutzt Whats·App (sprich: Wotts·äpp) und News·letter (sprich: Njuß·lät·ter).
Die Mitglieder treffen sich im Familien·zentrum Plus am Weißen Turm
und auf dem Spielplatz in Kalten·moor.
Viele machen noch nicht mit.
Vielleicht sind wir es nicht gewohnt, Unbekannte einzuladen.

 

 

Drittes Beispiel: Café in Kalten·moor

In Kalten·moor leben fast 10.000 Menschen aus 80 Ländern.
An den Häusern sind Graffiti. Viele Häuser sind herunter·gekommen.
In einem Hinterhof der St. Stephanus Passage liegt das „Kaffee·haus“.
Hier gibt es jeden Mittwoch·mittag ein arabisches Buffet (sprich: Bü·fee).

An einem Tisch sitzt ein älteres Ehepaar.
Auf ihren Tellern liegen Teig·taschen und Wein·blätter.
Der Mann sagt: „Kalten·moor, das ist nicht unsere Welt.“
Die Graffiti und die kaputten Häuser gefallen ihm und seiner Frau nicht.
Trotzdem kommt das Ehepaar oft ins „Kaffee·haus“.

Im „Kaffee·haus“ arbeitet Hanan Osman.
Als Hanan Osman 10 Jahre alt war, kam sie aus dem Libanon nach Deutschland.
Heute ist sie 37. Sie ist verheiratet und hat 5 Kinder.
Hanan Osman bringt den Gästen Besteck und räumt die Tische ab.
Mittwochs sind immer viele Gäste da. Und Hanan Osman ist mittendrin.
Sie mag ihre Arbeit, ihre Kollegen und die Gäste.
Eine Kollegin stammt aus dem Irak.
Sie erzählt: „In der Küche ist immer was los. Wir singen, meistens arabische Lieder.
Und jede tanzt so, wie sie es aus ihrer Kultur kennt.“

Am Dienstag fangen Hanan Osman und ihre Kollegen an zu kochen.
Sie rollen Wein·blätter, kneten Teig, mörsern Gewürze.
Hanan Osman sagt: „Ich koche mit Leib und Seele.“
Wenn den Gästen das Essen schmeckt, fühlen sich Hanan Osman und ihre Kollegen
mit den Gästen verbunden.

Hanan Osman mit 2 fröhlichen Gästen im Kaffeehaus in Kaltenmoor.
Foto: Laurin Berger

Ein Mann und eine Frau betreten das „Kaffee·haus“.
Sie sind hier Stamm·gäste.
Hanan Osman begrüßt sie: „Hallo! Wie geht es euch? Alles gut?“
Sie umarmen sich. Es gibt Küss·chen.
Der Mann sagt: „Frau Osman umarmt uns immer, wenn wir kommen.“
Die Frau sagt: „Wir fühlen uns hier nicht fremd.“

Das Ehepaar am Tisch mag immer noch keine Graffiti.
Aber jetzt denken sie: Vielleicht sind Graffiti moderne Kunst.

 

Verbindungen

Menschen halten zusammen, wenn sie sich eingebunden fühlen.
Zum Beispiel in der Natur, in der Religion, unter Nachbarn, im Sport·verein.
Wenn Menschen zusammen·halten, hilft das, eine Gesellschaft zusammen·zu·halten.

Ohne Zusammen·halt und ohne Verbindung scheint das Leben sinnlos und leer.
Der einzelne wird unzufrieden.
Wenn viele Menschen unzufrieden sind, zerbricht die Gesellschaft.

Wo es Begegnungen und Beziehungen gibt,
wie im „Kaffee·haus“ in Kalten·moor,
da kann Resonanz sein – die Idee von Hartmut Rosa.

Resonanz ist nichts, was man lernen muss.
Wir müssen nur aufmerksamer werden.
Zum Beispiel beim Wandern im Wald.
Wenn wir einander zuhören und antworten, schafft das Verbindung.
So können wir Schritt für Schritt unser Zusammen·leben verändern – und vielleicht die Welt.

 

 

 

——————————-

Original·žtext von Laurin Berger, Theresa Horbach und Mariel Starkgraff.
In Einfache Sprache übertragen von Inken Kahlstorff.
Fotos: Laurin Berger und Reinhard Behnisch