Luise Tremel und Wolfgang Ehmke im Gespräch über das Aufhören.

Die verführerische Zugkraft des Neuen

Bislang ist das Aufhören keine verbreitete Praxis. Doch es gibt Beispiele, die zeigen, wie es geht. Was zählt.-Redakteurin Anja Humburg sprach mit der Forscherin Luise Tremel und Wolfgang Ehmke, Atomkraftgegner der ersten Stunde, über das Aufhören

Der Schauplatz für unser Gespräch ist das Museum Lüneburg, wo Salzbrocken hinter Glas daran erinnern, dass die Saline in früheren Zeiten die ganze Region prägte. Der Abbau des Salzes unter der Stadt kam an sein Ende. Für Lüneburg war das einer der bedeutsamsten Prozesse des Aufhörens in seiner Geschichte. Heute schöpft die Stadt aus anderen Quellen ihre Kraft, auch davon erzählt das Museum. Was war das Wichtigste, womit Sie in Ihrem Leben aufgehört haben?
Luise Tremel: Ich habe vor drei Jahren meine Hochzeit abgesagt, weil ich jemand anderen kennengelernt habe. Dieser Ausstieg aus einem vorgedachten, geplanten Lebensweg war für mich der radikalste Moment, in dem ich Aufhören selbst verursacht habe.
Wolfgang Ehmke: Ich habe viele Jahre als Lehrer in der Schule gearbeitet, dann aber aufgehört, weil ich das Gefühl hatte, dass es der falsche Beruf ist. Nach einem Jahr bin ich doch wieder in der Schule gelandet und habe mich damit versöhnt. Aber ich habe beschlossen, mein politisches Engagement raus aus der schulischen und gewerkschaftlichen Arbeit zu verlagern. Dann kam der Gorleben-Konflikt. Meine Großeltern lebten in Gorleben. Seither macht dieses Engagement einen Großteil meines Lebens aus.

Frau Tremel, Sie haben unter anderem Geschichte studiert und suchen in der Vergangenheit nach Erklärungen und ­Auswegen für die Probleme von heute. Was zeigt der Blick ­zurück?
Tremel: Was mich ziemlich sorgt in der Diskussion um die ökologische Transformation, ist, dass man dort fast nur über das Neue spricht. Die Windräder, die Solarpanele, die Elektroautos sind das, worauf wir uns konzentrieren. Wir beschäftigen uns aber wenig damit, was wir alles lassen müssen, damit wir in einer guten Welt leben können. Deswegen habe ich mich gefragt, wie erfolgreiche Prozesse des Beendens von zerstörerischen Verhaltensweisen aussehen können. Wir kennen ein paar solcher Prozesse. Zum Beispiel die Abschaffung der Sklaverei.

Was geschah damals?
Tremel: Rund um den Atlantik wurden vom 16. Jahrhundert bis weit ins 19. Jahrhundert Afrikanerinnen und Afrikaner entführt, um in der Karibik, in Brasilien und in den heutigen USA als Sklaven zu arbeiten. Das war für alle, die selbst keine Sklaven waren, sehr lukrativ, weil alle Seemächte an diesem Handel teilhaben konnten und all diejenigen, die Landwirtschaft betrieben haben, Arbeitskräfte hatten. Es gab Gesellschaften, die ex-trem davon profitiert haben, Sklaven zu haben. Sie haben billig Produkte wie Zucker, Baumwolle oder Kaffee bekommen, aber auch unfreiwillige Sexualpartnerinnen und Haushaltskräfte. Angefangen in Großbritannien haben diese Gesellschaften die Sklaverei im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts infrage gestellt und beendet.

Wie lange hat das gedauert?
Tremel: International ungefähr ein Jahrhundert. Eine starke Bürgerbewegung, vor allem in Großbritannien, hat über Jahrzehnte dafür gearbeitet, dass erst der Sklavenhandel, dann die Sklaverei selbst verboten wurden. Andere Gesellschaften folgten, wenige mit eigenen Bewegungen, die anderen einfach, weil die Briten und dann die Amerikaner eine neue Realität geschaffen hatten.
Ehmke: In den USA hat es sogar zum Bürgerkrieg geführt. Mit Überzeugung allein ging es nicht.

In Gorleben geht es auch ums Aufhören, um den Ausstieg aus der Atomkraft. Herr Ehmke, Sie begleiten und prägen seit 1977 die Anti-Atom-Bewegung, seit dem Jahr als Ministerpräsident Ernst Albrecht den Standort Gorleben zum Endlager erklärte. Was sagt der Fall Gorleben über das Aufhören?
Ehmke: Wir haben Geschichte gelebt und geschrieben in diesen 40 Jahren. Wir waren damals die Ökospinner. Das Hüttendorf 1004 hat sich in die Erinnerung von vielen eingegraben. Aus Protest gegen die Entscheidung bauten wir im Sommer 1980 genau an der Bohrstelle Nummer 1004, wo das Atomklo entstehen sollte, ein Dorf aus Bretterhütten. Sechs Wochen lang konnte da der Traum von einer Sache ausprobiert werden: kollektiv leben und Widerstand leisten. Immer mit der Bedrohung, dass wir durch die Polizei geräumt werden. Das war der Anfang vom Ende der Atomwirtschaft in Deutschland. Aber wir allein als außerparlamentarische Bewegung hätten den Atomausstieg nicht gewuppt. Ohne die schweren Unfälle in Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima hätten wir nicht Recht bekommen. Übrigens gibt es Verteilungskämpfe auch im Kleinen. Zum Beispiel, wenn Gewerkschafter für ein Atomkraftwerk oder für den Erhalt der Kohlegruben auf die Straßen gehen.

Zum 40. Jahrestag der Gorleben-Standort-Bestimmung in diesem Jahr kamen einige hundert Menschen und Dutzende Trecker rollten vors Zwischen­lager. Aber es waren nicht mehr Tausende auf den Straßen. In welcher Phase steckt die Atomdebatte heute?
Tremel: Die Anti-AKW-Bewegung ist in gewisser Hinsicht extrem erfolgreich, weil sie die ernstzunehmendste Regulierung zustande gebracht hat, die wir in der deutschen Ökologie-Frage sehen. Sie hat tatsächlich einen gesetzlichen Beschluss hervorgebracht, der bewirkt, dass mit der Atomkraft aufgehört werden muss.
Ehmke: Aber das Entscheidende hat noch nicht geklappt: die Spirale des Immer-noch-Mehr zu durchbrechen, um die begrenzten natürlichen Lebensgrund­lagen zu schützen.
Tremel: Atomkraft ist nur ein Teil des Puzzles. Wenn wir die Gesamtenergie betrachten, also auch die Kohle und die gesamte fossile Energienutzung, dann sind wir als Gesellschaft noch weit weg von einem ernsthaften Abschied. In den letzten Jahren wehten zwischen Ausstieg und dem Ausstieg aus dem Ausstieg Fahnen mit der Aufschrift „Atomkraft, nicht schon wieder“. Das fand ich sehr bezeichnend für solche Prozesse: Es kann immer passieren, dass eine Regierung vermeintliche Erfolge zurückdreht. Inzwischen ist etwas anderes passiert, was ich auch aus dem Sklaverei-Fall kenne: Die Anti-Atom-Bewegung kann sich nicht im nötigen Maße an der Diskussion beteiligen, wo der ganze Schrott hinkommt. Sie hat, auch wegen ihres eigenen Erfolgs, nicht mehr die öffentliche Sichtbarkeit, die wichtig wäre, damit sich die Gesellschaft weiter damit beschäftigt. Das ist total gefährlich, weil dadurch viel von dem Erreichten wieder infrage gestellt werden kann.

Warum fällt es uns so schwer, mit etwas aufzuhören, von dem wir wissen, dass es unserer Erde schadet?
Ehmke: Die Menschen haben Verlustängste. Sie glaubten lange Zeit, dass sie ohne Atomkraft tatsächlich im Dunkeln sitzen müssten. Im Konflikt um den Bau des AKW Wyhl ließ der damalige Ministerpräsident Hans Filbinger während eines Fußball-Länderspiels für kurze Zeit den Strom im Stadion abstellen. Diese Drohung machte den Menschen Angst. Angst ist ein ganz schlechter Ratgeber.
Tremel: In einer Gesellschaft wie unserer ist es nicht vorstellbar, dass man alleine aufhört. Am Ende bleibe ich immer Steuerzahlerin, das heißt ich bin mitverantwortlich, wenn umweltschädliches Verhalten subventioniert wird. Und unsere globale Wirtschaftsordnung treibt uns in eine bestimmte Richtung. Durch diese Wirtschaftsordnung haben wir eine fatale Beziehung zu Menschen in anderen Welt­regionen. Wir beuten die Menschen aus und beschäftigen sie zum Teil in sklavenähnlichen Verhältnissen.

Können wir etwa gar nicht aufhören?
Tremel: Nicht aufhören können, das geht mir zu weit. Es ist mehr ein Nicht-aufhören-Wollen. Aufhören ist eine Frage des politischen, aber auch des individuellen Willens. In Deutschland sehe ich in beiderlei Hinsicht keinen ausreichenden Willen, unseren Lebensstil zu verändern.

Wie schaffen wir es aufzuhören?
Tremel: Wir brauchen im Aufhören immer etwas, das strahlt und zeigt, da wollen wir hin. Dazu müssen wir das Normale im Kopf umgedreht kriegen. Wie bei den Polen eines Magneten. Was vorher angezogen hat, kann abstoßen, wenn man den Pol ändert. Und umgekehrt. Die Perspektive, andere Menschen nicht länger auszubeuten, könnte uns Kraft für diese Veränderung geben. Früher fand man es vielleicht attraktiv, billige Kleidung oder Technik zu bekommen, aber wenn man etwas verstanden hat, dann will man das einfach nicht mehr, dann stößt es ab.
Ehmke: Damals im Hüttendorf 1004 hatten wir eine unglaubliche Lebenslust. Es wurden eine Solaranlage und ein Windrad gebaut. Da gab es die Bastler und Tüftler, die versucht haben mit einem schwarzen Gartenschlauch die Wärme eines Misthaufens zu speichern und sie abends für eine warme Dusche zu nutzen. Heute sind das diejenigen, die Biogasanlagen oder Windräder betreiben. Wer übers Land fährt, sieht die vielen Solaranlagen neben dem Widerstands-X. Aus dem, was damals verlacht wurde, ist heute eine Erfolgsgeschichte geworden, also der Siegeszug der Regenerativen. Damals hätte ich das nicht für möglich gehalten. Wir haben mit dem Atomausstieg den Weg frei gemacht dafür, dass etwas Neues wachsen kann.
Tremel: Viele von unseren destruktiven gesellschaftlichen Angewohnheiten wären uns wohl nicht so lieb, wenn uns nicht etwas anderes fehlen würde. Kontakt, Anerkennung, Sinn. Verschiedene neue Praktiken, wie gemeinschaftliches Gärtnern, könnten eine Variante sein, wie man das wiederfindet und aushält, dass es nicht mehr so viel Konsum geben kann.

Muss ich mich da jetzt entscheiden: Entweder ich gehe auf die Straße und protestiere gegen Kohle und Atom oder ich engagiere mich im Repair Café, mache mit beim Nachbarschafts-Carsharing und Urban Gardening?
Tremel: Nein, das Erfinden und der Widerstand gehören untrennbar zusammen. Das zeigt der Sklaverei-Fall. Sie können nicht erfolgreich aufhören, wenn Sie nicht wissen, wohin Sie wollen. Damals haben die Menschen aufgehört Sklaven zu halten, ohne dass sie wussten, welche Art von Landwirtschaft oder welche Art von Gesellschaftsordnung stattdessen entstehen sollte. Das hat zu extremen Konflikten geführt. Gleichzeitig wird Innovation alleine das Problem nicht lösen, weil sonst all die alten, schlechten Sachen bleiben, die bequem sind oder die alternativlos erscheinen.
Ehmke: Man darf den Leuten nur nichts verbieten.
Tremel: Ich glaube, man muss den Leuten etwas verbieten. Atomkraft ist ja künftig auch verboten. Wir wurden gesetzlich dazu verpflichtet.
Ehmke: Das wurde gesellschaftlich ausgehandelt.
Tremel: Genau. Wir haben uns selbst dazu verpflichtet. Deshalb ist es für Vattenfall verboten, weiterhin mit Atom Geld zu machen.
Ehmke: Richtig. Aber große Veränderungen muss man den Leuten schmackhaft machen.
Tremel: Ich glaube nicht, dass Sie es der gesamten Gesellschaft schmackhaft machen können, dass wir viel, viel weniger konsumieren müssen.

Was müssten Politikerinnen, Unternehmer, Wissenschaftler oder Bürgerinnen lernen, um aufhören zu können?
Tremel: Es müsste einen ernsthaften gesellschaftlichen Dialog geben über die Herausforderung, vor der wir stehen. Das, was die Parteien gerade machen, ist eine Art Verschleierung der Problematik und der Zukunftsfragen, indem sie behaupten, sie hätten eine Lösung, in diesem Fall Technik in Form von Innovation und Effizienz. Die Lösung wird aber die gesamte Gesellschaft einbeziehen müssen, also Unternehmerinnen genauso wie Aktivisten genauso wie Sozialarbeiter genauso wie Lehrerinnen. Wir stehen vor einer Generationenaufgabe, bei der jede mitmachen muss, die etwas erfinden, etwas lassen, etwas vormachen oder etwas vermitteln kann. Es ist okay, dass keiner bisher eine Antwort hat. Niemand weiß, was das bedeuten wird für unsere Gesetze, für unsere Art der Mobilität oder für die Beziehungen zu Ländern wie Bangladesch.
Ehmke: Diesen gesamtgesellschaftlichen Prozess haben wir für die Atommülldebatte eingefordert. Aber der Dialog um die Frage, was man eigentlich mit dem Atommüll macht, hat nicht stattgefunden. Das ist ein Armutszeugnis, weil wir mit der Herausbildung der Zivilgesellschaft gereift sind. Das Standortauswahlgesetz ist zwar das erste Gesetz, das ein „lernendes Verfahren“ beschreibt. Es steht also nicht von vornherein fest, wie wir zum Ziel kommen. Aber die Politiker trauen sich auf der Zielgeraden nicht, das umzusetzen, sie kehren ängstlich zum Durchregieren zurück.

Ist aufhören lokal einfacher?
Ehmke: In Lüchow-Dannenberg schiebt im Moment die Kreisverwaltung die neuen Suffizienzprojekte mit an, also die, die sich das „Weniger ist mehr“ zum Ziel gemacht haben. Die Verwaltung lud diese Initiativen ein, sich auf dem diesjährigen Gorlebentag auf der Kulturellen Landpartie vorzustellen. Als Anti-Atom-Bewegung, die wir immer in Konflikt mit Verwaltung und Staat waren, bieten wir nun das Forum für die Verwaltung. Man sieht daran, dass wir tatsächlich auf einem guten Weg sind.
Tremel: Egal ob größer oder kleiner: Wir müssen Räume schaffen, wo Leute sagen können: „Ich habe Bock, mich hier zu engagieren. Ich fühle mich hier gut.“ Dieses Bewegt-Sein, Berührt-Werden und In-Kontakt-Kommen, das ist etwas, woran unsere Gesellschaft immer ärmer wird. Diesen Reichtum zu kultivieren, ist ein Schritt, um uns davon zu befreien, dass wir entsetzliche Praktiken als normal akzeptiert haben.

Luise Tremel schreibt ihre Doktorarbeit übers Aufhören am Norbert-Elias-Center an der Europa-Universität in Flensburg. Die Berliner Transformations­forscherin studierte in London und Harvard. Seit 2012 arbeitet sie für Futurzwei. Stiftung Zukunftsfähigkeit. Dort sammelt sie Geschichten von Pionieren einer anderen Lebens- und Wirtschaftsweise. Im Projekt ­Futureperfect spürt sie mit dem Goethe-Institut solche Geschichten weltweit auf.

Wolfgang Ehmke ist Publizist und Atomkraftgegner. Der Gartower engagiert sich seit der Standortbenennung Gorlebens als nukleares Entsorgungszentrum im Jahr 1977 in der Bürger­initiative Umweltschutz ­Lüchow-Dannenberg und ist deren langjähriger Sprecher. Er arbeitete als Lehrer an einem Wirtschaftsgymnasium in Hamburg und war Fach­berater an der deutschen Botschaft in Ankara. Heute leitet er Integrationskurse in ­Lüchow-Dannenberg.

Foto: Andreas Tamme/tonwert21