Foto: Lara Schönweiss

Nackt in der Dose

Verpackungsfreie Läden wollen Schluss machen mit der Müllschwemme. Klappt das? Ein Besuch bei Stückgut, Hamburgs erstem Unverpacktladen

Von Theresa Horbach

Wer bei Stückgut einkauft, ist vorbereitet. Mit Gläsern, Dosen und Stoffbeuteln beladen, betreten die Kunden den 70 Quadratmeter großen Laden in Hamburg-Ottensen. An den Wänden reihen sich geräumige Gläser mit Schokoladenbruch, bauchige Flaschen mit Essig und meterhohe Spender mit Müslis aneinander. Hier und da lehnen Fahrrad­taschen und Rucksäcke an der Wand, in die der Einkauf verstaut wird.
Die Ladenglocke steht an diesem Nachmittag keine fünf Minuten still. Denn verpackungsfreie Läden sind ein echter Trend. Vor allem in den USA, Kanada, Frankreich und Italien ist lose Ware verbreitet. Vor drei Jahren eröffnete Deutschlands erster Unverpacktladen in Kiel, bundesweit gibt es inzwischen knapp 40 weitere.
Mehr Verpackung als Ware
Einer davon ist seit Anfang dieses Jahres Stückgut in Hamburg. „Wir waren es leid, mehr Verpackung als Ware einzukaufen, nur um zu Hause massenhaft Folie und Pappe wegzuwerfen“, sagen die Gründerinnen Insa Dehne und Sonja Schelbach. Um die Umwelt nicht länger mit dem Verpackungsmüll zu belasten (siehe Infokasten), starteten sie im vergangenen Herbst ein Crowdfunding und sammelten gut 40.000 Euro Startkapital für ihren Laden.
Dessen Prinzip ist simpel: Die Kunden bringen selbst Gefäße mit, wiegen diese leer, füllen die gewünschte Ware ab und wiegen die vollen Behälter wieder an der Kasse. Insbesondere die Auswahl an Trockenware ist bei Stückgut groß, aber auch Gemüse, Milchprodukte, Brot, Seife und Waschmittel führt der Laden. Sogar eine WC-Bürste mit austauschbarem Kopf und feste Zahnpasta am Stiel finden sich in den Holzregalen. Die meisten Produkte sind bio, regional und kosten ähnlich viel wie im Biomarkt.

Der Kaffee kommt im Jutebeutel

Dass Verpackungen andernorts gang und gäbe sind, kann Schelbach aber nachvollziehen: „Sie sind einfach unglaublich praktisch.“ Hygiene,  Information, Marketing und Transport – Verpackungen erfüllen im Supermarkt viele Funktionen. Läden wie Stückgut müssen das anders schaffen. So stehen Herkunft und Mindesthaltbarkeitsdatum auf dem Spender und das Abfüllbesteck wird täglich gereinigt. Den bunten Werbebildern setzt Stückgut den direkten Kontakt zur Ware entgegen: Hier kann man die Produkte sehen, riechen und auch mal probieren. Ein weiterer Vorteil: Die Kunden können die gewünschte Menge aufs Gramm genau abwiegen. Das kommt insbesondere Menschen entgegen, die alleine leben.
Den Transport ganz ohne Verpackungen zu bewerkstelligen, ist jedoch schwierig. Stückgut bezieht seine Ware in Großgebinden, doch auch die sind verpackt. Dehne war in den ersten Wochen „ziemlich deprimiert, wie viel Müll sich so ansammelt.“  Der Laden setzt daher verstärkt auf Mehrwegbehälter und einen möglichst direkten Lieferweg. Der Kaffee ist das Paradebeispiel: Er kommt im wiederverwend­baren Jutebeutel aus Nicaragua nach Hamburg, die Rösterei bringt ihn im Pfandeimer zum Laden.

Kunden tragen Verantwortung

Ob das verpackungsfreie Einkaufen wirklich die umweltfreund­lichere Alternative ist, liegt nicht zuletzt an den Verbrauchern: Wer den Transport von Gläsern und Dosen mit dem Auto erledigt, statt das Fahrrad zu nehmen, spart zwar Plastik, belastet die Umwelt aber mit Schadstoffen und Lärm. Mehrwegbehälter ergeben außerdem nur Sinn, wenn sie wirklich mehrfach verwendet werden. Denn insbesondere die Produktion von Glas verbraucht viel Energie.
Noch besetzt der Trend zum verpackungsfreien Einkaufen eine Nische. Melanie Kröger, die an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde zu Unverpacktläden forscht, beobachtet jedoch, dass erste Bio­supermärkte Trockenware zum Abfüllen anbieten. „Es tut sich was. Aber damit sich die lose Ware durchsetzen kann, müssen wir neue Routinen entwickeln“, sagt sie. Die Verbraucher müssten den aufwändigeren Einkauf in ihren Alltag integrieren, die Zulieferer auf den Bedarf der Unverpacktläden eingehen, also zum Beispiel Ware in Pfand­behältern liefern. Trotzdem zeigt sich Kröger überzeugt: „Verpackungsloses Einkaufen wird nicht so schnell wieder von der Bildfläche verschwinden.“

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