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Was wäre, wenn …

ZUKUNFTSARCHIV – Sechs kurze Geschichten, erzählt im Jahr 2030, skizzieren Bausteine aus dem Leben im Landkreis Lüneburg. Sie spielen in der Zukunft, doch schon heute, 2016, sind alle Ideen real.

Was wäre wenn, die Clubs 2030 (k)ein Morgen kennen?
Die Bässe wummern, die Stimmung ist gut. Doch während das Energie­level auf der Tanzfläche steigt, bleibt der Stromverbrauch im (Party-)Keller. Ekstase unter Energiesparlampen? Dass Klimaschutz auch in der Musikbranche funktioniert, wissen die Lüneburger Clubs, seit sie im Jahr 2020 der Green Music Initiative beigetreten sind und mit einfachen Maßnahmen energetisch saniert wurden. Seither verbrauchen sie bis zu 50 Prozent weniger Energie als vor der Sanierung. Die nationale Plattform arbeitet ehrenamtlich mit den Clubs und Musikern zusammen, um Treibhausgasemissionen zu reduzieren, weniger Müll zu produzieren und ein Umweltbewusstsein in der Branche zu schaffen. Die Green Music Initiative startete im Jahr 2011 den Green Club Index, auf dem Lüneburg nun oben mitrangiert. Dabei müssen die DJs nicht mal die Musik leiser drehen: Die großen Stromfresser in Clubs sind vor allem Kühlschränke und Belüftungen. Schon 2016 war die hohe Zahl der Partner Beweis genug, dass die Idee funktioniert: Green Music kooperierte damals bereits mit mehr als 1600 Clubs und 175 Festivals in 30 Ländern.
www.greenmusicinitiative.de
MAREIKE THIES und DANA GIESEKE

Was wäre, wenn Platz für alle ist?
Günstig und mobil wie ein Container, intelligent und autark wie ein Ökohaus: Die Kirchgellerser halten ­RACHEL für ein kleines Wunder. Heute, im Jahr 2030, haben sie die Wohnbox auf gut zwei Dutzend zwischenzeitlichen Brachen ihrer Gemeinde aufgestellt. Sie nutzen die 24-m²-Einheiten als Wohn-, Lager- oder Büroraum. Manche sind legoartig übereinandergestapelt und miteinander verbunden. Durchdachte Dämmung, Dreifachverglasung, Photovoltaik und Mini-Windanlage, Regenwasserspeicher und Trockentoilette machen die Wohnkisten zu ausgeklügelten Selbstversorgern. RACHEL wird weitgehend aus Materialien gebaut, die regional verfügbar und kompostierbar sind. Durch die Unabhängigkeit von Strom- und Wasseranschlüssen sind die Boxen nicht nur autark, sondern auch umzugsfreudig. Auf einem Lastwagen transportierten die Kirchgellerser schon viele Wohnboxen und liehen sie den umliegenden Gemeinden aus. Auch das zählte vor 18 Jahren zur Grundidee des Initiators des Projekts, dem Kölner Arbeitslosenverein Jack in the Box e. V.: ­RACHEL sollte weder Luxus- noch Trickkiste sein. Damals kostete eine Einheit nicht mehr als 25.000 Euro, die Technologie ist bereits seit 2012 lizenzfrei zugänglich für alle.
rachelarchitektur.de, koelnerbox.de
MAREIKE THIES, UTE SCHEUB und ANNETTE JENSEN

Was wäre, wenn Garagen überflüssig werden?
Viele Adendorfer störte es schon lange, dass ihre privaten Autos oft mehr Stehzeuge als Fahrzeuge sind. Durchschnittlich 23 Stunden standen ihre Vehikel am Tag still. Bis sie auf die Idee der Aachener Studenten stießen. 2010, also vor genau 20 Jahren, entwickelten diese die Geschäftsidee tamyca, die längst Nachahmer wie Autonetzer oder Nachbarschaftsauto gefunden hat: Das Online-Portal vermittelt Privatautos an private Nutzer. Von Panda bis Porsche, in unterschiedlichen Preiskategorien, zum Kurzzeit-, Tages- oder Langzeit­tarif. Adendorfer, die ihr Auto nur selten nutzen, stellen es seither hier ein und verdienen sich so Geld dazu – ohne ein Versicherungsrisiko einzugehen. Denn die Versicherung ist im Preis eingeschlossen. Miet-Interessenten aus der Nachbarschaft finden über die Suchmaske alle verfügbaren Angebote im näheren Umkreis, dazu Erfahrungsberichte und Fahrzeugbewertungen. Nimmt der Vermieter eine Anfrage an, wird ein Termin für die Schlüsselübergabe vereinbart. In einem Übergabeprotokoll werden dabei Tankfüllung und mögliche Schäden am Auto festgehalten – und dann kann es losgehen. Die Adendorfer haben in den letzten 20 Jahren viel erreicht: Pro privatem Carshring-Auto wurden sieben andere abgeschafft. 2050 könnten im ganzen Landkreis Lüneburg sogar nur noch 20.000 Autos unterwegs sein statt der 90.000 Pkw, die es noch 2016 gab. www.tamyca.de MAREIKE THIES und ANNETTE JENSEN

Was wäre, wenn die Fassaden den Smog fressen?
Jungfräulich weiß hätte die Fassade des ­Audimax noch heute, im Jahr 2030, da­stehen können. So wie die Misericordia Kirche in Rom. Ihre weißen Betonsegel ragen in den Azur-Himmel. Herausgeputzt muss sie zum dreißigsten Geburtstag nicht werden, zumindest nicht außen, kein Thema. Dabei teilt Rom das Problem vieler Großstädte: Gifti­ger Smog von Autos und Fabriken setzt sich an Hausfassaden fest, wie in den Lungen der Menschen. Der Vatikan wünschte sich für diese Kirche, die er anlässlich 2000 Jahre Christentum bauen ließ, eine unverwüstliche Fassade. Daraufhin erfand der italienische Chemiker Luigi Cassar einen Zement, der sich selbst reinigt. Ihm wird Titanoxid beigemischt, ein natürlich vorkommendes Mineral. Wenn Sonnenlicht auf Titanoxid trifft, werden giftige Stickoxide in harmlosere Substanzen wie Wasser, Nitrate, Sulfate und Kohlendioxid verwandelt. Die Idee griff schon damals um sich. Das Berliner Architektenbüro Elegant Embellishments machte ein Krankenhaus in der Metropole Mexiko City zum Smogfresser. Die Architekten überzogen es mit einem titanoxid-beschichteten Kunststoffnetz, das pro Tag den Smog von 1000 Autos vertilgen kann. Was für Hausfassaden gilt, funktioniert auch auf den Straßen: Heute fahren die Autos nicht nur in Chicago, sondern auch auf dem Lüneburger Stadtring auf luftreinigenden Straßen.
ISABELLA HAFNER

Was wäre, wenn wir den Laden im Dorf lassen?
2016 ging es vielen Menschen in der Ostheide wie insgesamt acht Millionen Bundesbürgern: Kein Lebensmittelgeschäft konnten sie mehr zu Fuß erreichen. Der Grund war schnell gefunden: Ein Tante-Emma-Laden rentierte sich damals nur dann einigermaßen, wenn 5000 Menschen in der Nähe wohnten. Für die großen Handelsketten rechnete sich eine Filiale sogar erst ab 8000 Menschen. Doch die Reinstorfer, Thomasburger und Bolterser hatten es satt, für ein Brot ins Auto steigen zu müssen. Heute, 2030, sorgen bürgergeführte Tante-Emma-mit-Service-Läden dafür, dass die Dörfer nicht weiter ihre Treffpunkte und damit ihre Seele verlieren. Die Bewohnerinnen und Bewohner haben ihr Dorf­leben selbst in die Hand genommen und schufen sich in jedem Dorf ein multifunktionales Zentrum, das Laden, Café, Internet, gewerbliche und haushaltsnahe Dienstleistungen wie Geldautomaten, Versicherungs- und Reiseangebote, Autoanmeldungen oder Zeitungsannoncen an einem Ort bündelt und nicht selten auch den Zahnarzt zurück ins Dorf holte. Manche haben sogar einen Bestattungsservice. DORV „Dienstleistung und Ortsnahe Rundum-Versorgung“ – so heißt die von Heinz Frey 2004 gegründete, bürgeraktienfinanzierte Initiative; Frey ist inzwischen Stipendiat der Ashoka-Organisation zur Förderung von Sozialunternehmen. Schon 2016 war der Effekt spürbar: DORV stoppte das Ladensterben zuerst im nordrhein-westfälischen Barmen und dann in mehr als 50 Dörfern, Stadtteilen und sogar Bahnhöfen.
www.regionalbewegung.de
UTE SCHEUB

Was wäre, wenn der Strom vom Dach nebenan kommt?
Wer heute, 2030, das Licht einschaltet, kennt seinen Stromanbieter persönlich: die Familie nebenan, der Kollege oder der Landwirt aus dem Nachbardorf. Pionier für lokale Energieversorgung ist die Strombörse buzzn. Die damals revolutionäre Idee: Auf dem Marktplatz im Internet treffen sich kleine Stromerzeu­ger und -verbraucherinnen aus dem ganzen Landkreis zum Tauschen und Teilen, werden zu „Prosumenten“, also Produzenten und Konsumenten in einer Person. Gründer Justus Schütze war vorher Energy Trader bei Vattenfall, bis er 2009 die Initialzündung für buzzn hatte – in Anlehnung an das englische Wort für summen und brummen: „Wenn ich genug Ökostrom produziere, warum kann ich den nicht an Freunde verkaufen?“ Das Prinzip ist simpel: Die Stromgeber, die Elektrizität aus allen Arten erneuerbarer Energien und Kraft-Wärme-Kopplung gewinnen, speisen ihren Strom in einen Pool ein, wobei sie bei buzzn schon 2016 einen Cent mehr pro Kilowattstunde erhielten als gesetzlich vorgeschrieben. Die Stromnehmer bedienen sich aus dem Pool der Strom­geber und zahlten damals nicht mehr als bei anderen Ökostromanbietern.
www.buzzn.net

UTE SCHEUB und ANNETTE JENSEN

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Diese Geschichten entstanden in freundlicher Zusammenarbeit mit FUTURZWEI Stiftung Zukunftsfähigkeit. Über 300 weitere Geschichten des Gelingens finden Sie auf futurzwei.org