WaszaehltStuttgart_web

Teilen, tauschen – fördern!

Der Trend zum Teilen und Tauschen ist ungebrochen. Wissenschaftler bescheinigen der Sharing Economy viel Zukunftspotenzial und fordern eine systematische Förderung. Aber wie könnte so eine Wirtschaftsförderung 4.0 aussehen? Und: Wollen die Gemeinschaftsinitiativen das?

Von Nicole Pollakowsky

Hobbygärtner ist Alexander Schmid schon lange, mehrere Jahre war er in der Urban-Gardening-Szene aktiv, nun sind die Stadtgärten Teil seines Berufs. Der 32-Jährige ist Deutschlands wohl einziger hauptamtlicher Koordinator für urbanes Gärtnern, sein Arbeitgeber ist Baden-Württembergs Landeshauptstadt Stuttgart. „Es gab zahlreiche Anfragen bei der Stadtverwaltung, wie und wo sich Gartenprojekte und Gebäudebegrünungen realisieren lassen“, erzählt Schmid – die Stadt reagierte und engagierte den studierten Landschaftsarchitekten im Sommer 2014. Von 12 auf 25 ist die Zahl der gemeinschaftlichen Gärten in Stuttgart seitdem gestiegen. Sich selbst sieht Schmid als Bindeglied zwischen der Verwaltung und den Initiativen. Er hilft bei der Flächensuche, spricht Eigentümer an, vernetzt die Aktiven in den Projekten miteinander. Auch finanziell greift die Kommune den Stadtgärtnern unter die Arme – bis zu 5000 Euro gibt es als Starthilfe. Doch wertvoller als das Geld, so Schmids Erfahrung, sei für viele seine Beratung. Er versucht, einen Rahmen zu geben, ohne zu sehr zu regulieren. „Natürlich müssen Steuergelder nachweislich richtig verwendet werden und die Haftung muss geklärt sein, aber das war’s – der Rest kann von der Gemeinschaft kommen“, sagt der Koordinator.

Niedliche, harmlose Ideen?

Versteht er das, was er da tut, als Wirtschaftsförderung? Schmid sagt, nein. Und nach klassischer Lesart hat er damit recht. Denn Wirtschaftsförderung im herkömmlichen Sinne bedeutet: Unternehmen bekommen Unterstützung bei ihrer Gründung, Ansiedlung und Entwicklung. Für Organisationsformen wie Projektinitiativen, Interessengemeinschaften oder andere lose Zusammenschlüsse von Gleich- und Ungleichgesinnten ist die Wirtschaftsförderung bisherigen Zuschnitts nicht zuständig. Doch nicht nur in Stuttgart, sondern auch in vielen anderen Groß- und mittlerweile auch Kleinstädten gibt es genau von diesen Gemeinschaftsinitiativen immer mehr. Ihr Anliegen: die Commons, solidarisches oder kooperatives Wirtschaften oder die Sharing Economy. Landauf und landab entstehen Tauschringe, Regionalwährungen und Leihläden. In Reppenstedt, Scharnebeck und am Stint wird regelmäßig gemeinsam repariert. Zickengarten, Leufarm oder der neue Permakulturgarten in der Kolonie Am Pferdeteich sind ein Teil der Lüneburger Gemeinschaftsgarten-Szene. Teilen und Tauschen hat Hochkonjunktur.

Laut einer repräsentativen Untersuchung des Zentrums für Nachhaltigkeitsmanagement an der Lüneburger Leuphana Universität aus dem Jahr 2012 hat bereits über die Hälfte der Deutschen Erfahrungen mit alternativen Besitz- und Kon­sum­formen gesammelt. Ein vorübergehender Hype scheint die neue Vorliebe für Carsharing & Co. demnach nicht zu sein. „Die Ergebnisse zeigen, dass kollaborativer Konsum kein Nischenthema (mehr) ist“, meinen die beiden Autoren Harald Heinrichs und Heiko Grunenberg. Sie gehen davon aus, dass sich die Ökonomie des Teilens weiterentwickeln werde. Auch Ina Soetebeer, Seminarleiterin im Projekt Zukunftsstadt und Promotionsstipendiatin an der Fakultät für Nachhaltigkeit der Leuphana Universität, erforscht die Commons – also gemeinsam vereinbarte Praktiken, die einen fairen Umgang mit den Dingen, mit Wissen oder Kulturtechniken ermöglichen. „Es ist sinnvoll, die verschiedenen Initiativen nicht singulär zu sehen, sondern als zusammenhängendes Phänomen, das einen Wandel bewirken kann“, sagt sie. Noch einen Schritt weiter geht Michael Kopatz vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie. Er ist überzeugt, dass kooperatives Wirtschaften nicht nur eine „Ökomasche“ sei, sondern „von elementarer Bedeutung für eine zukünftige Wirtschaftspolitik“. Allerdings, sagt der Forscher in der Zeitschrift „Politische Ökologie“, seien Initiativen wie Repaircafés oder Tausch­läden oft kaum bekannt und würden unterschätzt, weil sie so „niedlich und harmlos“ daherkämen. Kopatz fordert deshalb ein Umdenken in der Wirtschaftsförderung. In Anlehnung an den Begriff Industrie 4.0 wünscht er sich eine Wirtschaftsförderung 4.0, denn der Sozialwissenschaftler ist überzeugt: „Ihr wahres Potenzial in puncto Klimaschutz, Ressourcen­schonung und lokaler Wertschöpfung entfalten Projekte kooperativen Wirtschaftens erst, wenn Kommunen sie systematisch ­unterstützen.“

Damit sind die Wissenschaftler nicht allein. Auch in der Politik bewegt sich etwas: Im Dezember 2015 hat der Europarat die „Förderung der Sozialwirtschaft als treibende Kraft der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in Europa“ beschlossen. Bereits 2014 verabschiedete der Landtag von Nordrhein-Westfalen ein Paket zur Förderung von solidarischer und gemeinwohlorientierter Wirtschaft. Auf lokaler Ebene hat Stuttgart einen Weg gefunden, wie die Kommune den Wandel in der Stadt und in den Köpfen unterstützen kann.

In Lüneburg ist Karl-Heinz Rehbein für Nachhaltigkeitsfragen zuständig: Seit 2012 ist er Nachhaltigkeitsbeauftragter der Stadt Lüneburg. Auch er sieht sich nicht als Wirtschaftsförderer, doch Sharing-Initiativen seien bei ihm an der richtigen Stelle. Einen festen Fördertopf, aus dem er schöpfen kann, gibt es nicht. „Aber“, so Rehbein, „ich habe einen guten Überblick, was läuft und wo man weiterkommen kann.“ Denn viele der Gemeinschaftsprojekte hätten mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Nach knapp vier Jahren im Amt stellt der Nachhaltigkeitsbeauftragte allerdings auch fest: „Die Initiativen rennen mir mit Anfragen nicht gerade die Bude ein.“ Sein Eindruck: „Viele wollen alles ganz neu und ganz anders machen, anstatt erst einmal zu schauen, was es schon gibt. So läuft vieles nebeneinander her.“

Kooperativ gewinnt

Legt vielleicht die Sharing-Bewegung selbst gar nicht so viel Wert auf eine systematische Förderung wie Kopatz und Kollegen sie fordern? Alexander Spang aus Lüneburg ist da in der Tat zurückhaltend. Er ist Mitbegründer der partizipatorischen Plattform Mondbasis in der Lünertorstraße. „Wir wollten einen Ort schaffen im öffentlichen Raum, der nicht durch Konsum geleitet ist und wo Gemeinschaftsprojekte verwirklicht werden können“, sagt Spang. Die Räume der Mondbasis können Projektinitiativen mietfrei nutzen. Derzeit entstehen hier unter anderem ein Verpackungsfrei-Laden und das stadtnahe Wir-Garten-Projekt. Regelmäßig trifft sich Transition Lüneburg, die lokale Transition-Town-Gruppe ­(siehe Kasten). „Mit Geld wäre es natürlich leichter, die Mondbasis am Laufen zu halten“, sagt Spang. „Aber wir bräuchten jemanden, der genau das unterstützt, was wir hier machen, ohne es in eine bestimmte Richtung zu zerren oder Ansprüche zu stellen.“ Genau das sei bei vielen Fördermodellen jedoch die Gefahr, fürchtet er. Hilfe bekommt die Mondbasis derweil auf andere Weise: Ein Organisationsbegleiter etwa berät den Verein ehrenamtlich, dabei fließt kein Geld, dafür aber Wissen – eine Art der Förderung, die auch Matti Pannenbäcker und Richard Kaatz, Initiatoren des Lüneburger Wir-Gartens, schätzen gelernt haben. Eine Agentur hat den beiden ihr Logo entwickelt, ein Markenstratege hat die Namensfindung begleitet, Gärtnerinnen haben beim Gemüseanbaukonzept geholfen … alles pro bono, weil die Unterstützer von der Idee der Gemüse-Genossenschaft überzeugt sind.

Ein anderes Lüneburger Projekt zeigt ebenfalls, dass Förderung, auch durch die öffentliche Hand, nicht zwingend in barer Münze ausgezahlt werden muss. So hat die Hansestadt der Energie­genossenschaft Zukunftsgenossen pachtfrei das Dach der St. Ursula Schule für den Bau einer Photovoltaik-Anlage überlassen. Horst Jäger vom Vorstand der Zukunftsgenossen sieht diese Art der Unterstützung als Win-win-Situation für beide Seiten. „Man muss doch einen Konsens finden und gemeinsam Konzepte entwickeln“, sagt er. Den RegioLunar allerdings, das Regionalgeld, das Jäger in Lüneburg etablieren wollte, musste er im vergangenen Jahr wieder beerdigen. Die Stadt habe kein Interesse gezeigt, ebensowenig die Lieferanten der beteiligten Geschäfte. „Wir haben es nicht geschafft, die regionalen Kreisläufe zu schließen“, glaubt Jäger.

Netzwerk für den Wandel
Transition Lüneburg ist ein Netzwerk von Menschen allen Alters. Sie haben sich zusammengeschlossen, um positive Zukunftsvisionen für Lüneburg zu entwickeln und den Wandel selbst zu gestalten. Sie sind Teil der weltweiten Transition-Town-Bewegung, die sich für eine fossilfreie Zukunft einsetzt. Eine virtuelle Plattform soll sie in Zukunft vernetzen. Offline trifft sich das Netzwerk immer donnerstags um 18.00 Uhr in der Mondbasis, Lünertorstr. 20. www.lebendiges-lueneburg.de