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Gestern Bungalow, morgen Kita

Gebäude sind ein wertvoller, fast unerschlossener Quell knapper werdender Ressourcen. Moderne Schürfer werden auf Deponien und in Ruinen unterwegs sein statt unter Tage.

Von Isabella Hafner

Parzelle für Parzelle pflanzen Bauunternehmen Einfamilienhäuser in die Neubaugebiete der Re­gion. Im ganzen Bundesgebiet wachsen die urbanen Teppiche in die Landschaft hinein – und verschließen jeden Tag weitere 70 Hektar Land, also etwa 100 Fußballfelder. Aber die eigenen vier Wände haben es nicht nur unter, sondern auch in sich: Gleich, wie energiesparsam das Haus am Ende ist, das Baumaterial selbst hinterlässt eine ökologische Spur. Jedes Jahr werden in Deutschland 6 bis 15 Millionen Tonnen Stahl, 0,5 bis 1 Mil­lion Tonnen Kupfer und 200.000 bis 500.000 Tonnen Alu verbaut. Der Stahl im Beton kommt meist aus China. Kupfer, oft aus Chile, steckt in Kabeln, Transformatoren und Wasserrohren. Das Alu in Außenverkleidungen und Fensterrahmen wird aus Bauxit gewonnen, das vor allem in China und Australien gefördert wird. Die gegenwärtige Baukultur trotzt der Ressourcenknappheit. Richard Heinbergs Warnruf bleibt von ihr ungehört: Auf „Peak Oil“ folge „Peak Everything“, das prognostizierte der US-amerikanische Autor bereits vor knapp zehn Jahren. Selbst geeigneter Sand, unerlässlich für Beton und Glas, wird immer knapper.

Doch warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Wir leben in Deutschland, auch in Lüneburg, mitten in urbanen Minen. In Depo­nien schlummern Elektroschrott, Glas, Plastik und Metalle der 50er- und 60er-Jahre. Damals achtlos entsorgt. Vor allem aber stecken die Industrie­brachen und Nachkriegshäuser, die derzeit abgerissen werden, voller Schätze.

Stefan Bringezu ist Professor für Nachhaltiges Ressourcenmanagement beim Center for Environmental Systems Research (CESR) an der Universität Kassel. Er sagt: „Der Bestand in Hochbau, Haustechnik und Tiefbau in Deutschland wird auf mindestens 1 Milliarde Tonnen Stahl, 8 Millionen Tonnen Kupfer und 7 Millionen Tonnen Aluminium geschätzt. Diese Materialien fallen früher oder später als Schrott an.“ In Infrastrukturen und Gebäuden übersteige das Kupfervorkommen angeblich bereits die erschließbaren Mengen in den bekannten natürlichen Lagerstätten. „Trotzdem sind die urbanen Rohstoffquellen noch weitgehend unkartiert, es gibt keine Pläne zu ihrer systematischen Erschließung.“ Jedes Jahr werden 0,1 Prozent der Wohngebäude und 0,35 Prozent der Nichtwohngebäude abgerissen, was nach ­aktuellen Schrottpreisen Stahl im Wert von 140 Milliarden Euro, Kupfer von 32 und Alumi­nium von 5,6 Milliarden Euro entspricht.

Upcycling statt Downcycling

Oft wandern diese Rohstoffe relativ unsortiert auf die Bauschuttdeponie. „Da werden dann gerade noch die Kupferleitungen herausgeholt. Oder spätere Störfaktoren im Bauschutt wie Fensterrahmen“, sagt Dr. Peter Kiefhaber, Bau­inge­nieur aus Kaiserslautern und Spezialist für Urban Mining. Ansonsten spekuliert man auf „einen gescheiten, reinen Mauerwerksbruch“, der sich später in der Aufbereitungsanlage als Füllmaterial downcyclen lässt. Erich Tegtmeyer vom Abfall­ent­sorger GfA Lüneburg stellt fest, dass immer mehr Verbundwerkstoffe – sogenannte Sandwich-Elemente – entsorgt werden müssen. Etwa Weißblech oder Alu mit Kunststoffen dazwischen. „Die sind nur zum Energiesparen, aber nicht auf Recyclingfähigkeit hin designt.“ Zwar würden bereits Elektroinstallationen, Holz, Fußböden, Fenster und Heizungen meist ordentlich demontiert, dennoch sei das Bauschuttrecycling deutlich verbesserungsfähig. Klüger wäre es, die Gebäude an Ort und Stelle auszuschlachten und nicht nur ein „Gebäude zu sehen, das weg muss.“ Städtischer Bergbau, so Kiefhaber, mache unabhängiger von Importen, diktierten Preisen und knapper werdenden Ressourcen. „Doch das ist leider alles noch eine Frage der Wirtschaftlichkeit, solange ein gusseiserner Kanaldeckel aus China günstiger ist als der aus dem Nachbarort.“

Urban Mining, so der Fachausdruck für den Ressourcenabbau aus menschengemachten Quellen, ist keine Neuerfindung. Auch das Kolosseum in Rom diente Herrscherfamilien und Päpsten immer wieder als Steinbruch für ihre Paläste. Was wäre also, dächten wir künftig nicht nur bei Joghurtbechern, sondern auch bei Stadtbrachen, Leerstand und Bauruinen an Kreislauf statt an Abfall?

Im vergangenen Jahr wurde Michael Braungart mit dem Urban Mining Award ausgezeichnet. Der Lüneburger Professor ist der Erfinder des Prinzips Cradle-to-Cradle, von der Wiege zur Wiege. Produkte sollen ihm zu Folge so konzipiert sein, dass sie möglichst wenige Schadstoffe enthalten und ewig weiterverwendet werden können – und zwar auf der gleichen Wertigkeitsstufe. „Wir müssen Gebäude als Rohstofflager bauen“, sagt Braungart, der an der Rotterdamer Erasmus Universität zu Urban Mining forscht. Irreversible Klebeverbindungen, wie sie in vielen Dämmungen vorkommen, sind ihm ein Graus. „Sie sind oft ein Mix aus organischen und anorganischen Materia­lien, miteinander verklebt und auf die Wände geklebt“, sagt auch Kiefhaber. Bauingenieure wie er fragen sich: Wie müsste ein Gebäude errichtet werden, damit folgende Generationen es wieder gut auseinanderbauen können? Woher wissen sie dann, was wo verbaut wurde?

Zurück ins Neubaugebiet. So manches moderne Baumaterial trägt nicht nur einen schweren Ressourcenrucksack, sondern weist auch andere Tücken auf. Die dreifachverglasten Scheiben sind so dicht, dass kein Lüftchen entweicht und eine Belüftungsanlage erforderlich wird. Braungart sagt: „Wir optimieren unsere Häuser energietechnisch immer mehr und versuchen, das Falsche perfekt zu machen.“ Heute sei die Innenluft in Gebäuden drei- bis achtmal schlechter als die städtische Außenluft. In Muttermilchproben sei genau ablesbar, welche Materialien in Gebäuden verbaut wurden. „Wir sollten gleich muttermilchgeeignete Gebäude bauen, mit guten Materialien. Gebäude wie Bäume. Gebäude, die Luft besser machen.“ Zukunftsfähig gebaute Häuser sind nicht nur kluge Puzzle, die sich später leicht zerlegen lassen.

Lohnt ein Blick zurück? Früher bediente man sich der Rohstoffe aus der Umgebung und baute Häuser den örtlichen Witterungsverhältnissen entsprechend. Sollten wir wieder Häuser aus Lehm, Backstein, Holz und Stroh errichten? Dirk Scharmer aus Südgellersen ist ganz auf Stroh eingeschworen. Der Architekt hat 16 Strohhäuser verwirklicht, unter anderem ein fünfstöckiges Bürogebäude in Verden an der Aller. Die Wände seiner Strohhäuser bestehen aus etwa 35 Zentimeter dicken Strohballen, die Außen mit Kalk und Innen mit Lehm verputzt werden. „Das ist ökologisch und gut für die Gesundheit“, sagt Scharmer, der die alte Technik weiterentwickelt hat: Seinem Prinzip zufolge sind die Strohballen lasttragend. „Stroh gibt es theoretisch überall, also auch auf dem Acker nebenan und es ist nachwachsend. Und: Ein Strohhaus kann während seiner gesamten Lebensdauer weniger Energie verbrauchen, als ein herkömmliches Haus bereits verbraucht hat, bis es fertig war. Wenn man mit Holz heizt.“ Doch Deutschland hinke im Strohhausbau hinterher. In Frankreich boomen sie dagegen gerade. Bis zu 8000 seien es dort bereits – in Deutschland gibt es rund 400.

BAUTEILBÖRSE
Richtig nachhaltig wird das Haus, wenn nicht nur die Wände vom Acker nebenan kommen, sondern auch Türen, Treppen, Waschbecken und Elektronik aus der Umgebung stammen. Das machen Bauteilbörsen, also Secondhand-Baumärkte, möglich. Bislang etwa in Bremen, Hannover oder Luckenwalde bei Berlin. Bald auch in Lüneburg? www.bauteilnetz.de