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Die entschleunigte Stadt

2030 könnte der Traum von der unbedingten Auto-Mobilität ausgeträumt sein. Doch in Zukunft mobil sein heißt mehr, als von einem Verkehrsträger auf den anderen umzusatteln.

Von Christina Mikalo, Nastasja Harnack und Madlen Golla

Leises Surren dringt von der E-Bus-Spur hinüber – dann schallendes Lachen. Kinder rennen die Straße hinauf. Viel Platz für unbeschwertes Toben, seitdem die Autos in den letzten 15 Jahren ganz aus Lüneburg verbannt wurden. Auf Lastenrädern transportieren Boten Produkte und Ersatzteile durch die Stadt. Unten am Kanalhafen liegt der zentrale Knotenpunkt für Waren von nah und fern. Oben setzt ein Luftschiff zur Landung auf dem Hanseregionalflughafen an. Die Zeiten, in denen sich Fußgänger und Fußgängerinnen an einer Straße bewegten wie an einem Abgrund, sind längst vergessen.

Was für die einen nach Zukunftsmusik klingt, ist für die anderen ein Schreckensszenario. Doch es gibt Anlass genug, das Weiter-so-wie-Bisher zu überdenken. Die Zahl der Autos in Deutschland steigt von Jahr zu Jahr. 530 kommen derzeit auf 1000 Einwohner. Das Umweltbundesamt (UBA) prognostiziert, dass sich die Luftqualität in den Innenstädten trotz neuer Abgasgrenzwerte frühestens 2030 verbessern wird. UBA-Präsidentin Maria Krautzberger fordert daher eine grundsätzlich neu gedachte Mobilität.
Beispiel Elektroautos: 30.000 waren 2015 im ganzen Land unterwegs – das Ziel der Bundesregierung, bis 2020 eine Million davon auf die Straße zu bringen, ist kaum noch erreichbar, schätzt Wirtschaftsjournalist Frank-Thomas Wenzel. Große Autokonzerne werben für 2,5 Tonnen schwere SUVs mit Elektro- und Verbrennungsmotor, die angeblich nur 3,3 Liter auf 100 Kilometer verbrauchen. Im Alltagsmodus, sagt Jens Hilgenberg, Verkehrsexperte vom BUND, sei es schnell rund viermal so viel.

Illusorische Routine

Schon das Wording zeigt, dass es ums Eingemachte geht: Wer eine Verkehrswende will, sattelt um auf einen anderen Kraftstoff oder auf ein anderes Verkehrsmittel. Wer eine Mobilitätswende will, strebt ein Bewusstsein für die Verantwortung des Handelns aller Verkehrsteilnehmenden an. „Aktive Mobilität ist viel mehr als nicht-motorisierter Verkehr – es ist ein attraktiver Lebensstil“, sagt Philippe Crist, Mobilitätsvordenker der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Einfache Mittel wie Tempolimits und Sperrzonen können zwar die Straßen wieder lebendiger machen, rütteln aber auch tief an etablierten Statussymbolen und bequem gewordenen Routinen. Als Lüneburgs Innenstadt Anfang der 1990er-Jahre autofrei wurde, prognostizierten einige Verluste bei den Kommunalwahlen. Das sollte sich aber nicht bewahrheiten.

„Den privaten Pkw-Verkehr auf zehn Prozent vermindern“, erklären Studierende des Zukunftsstadt-Seminars „Commons in Lüneburg – Utopie oder zukünftige Realität?“ zur Zielmarke für Lüneburg im Jahr 2030. Deutlich weniger Pkw, das geht nicht ohne ein Alternativangebot: Nicht-kommerzieles Carsharing (siehe Zukunftsarchiv/tamyca), der eng getaktete Ausbau des ÖPNV (Lüneburger Anruf-Sammel-Mobile und Bürgerbusse gehen bereits in diese Richtung) und E-Mobilität (etwa der flächendeckende Einsatz von Wasserstoff-Elektro-Bussen wie sie in Hamburg unter dem Namen Sauberbus auf einigen Linien fahren) sind Denkansätze, aus denen sich neue Besitzverhältnisse ergeben und die mit alten Nutzungsformen und Verfahrenstechniken brechen.

KVG gibt grünes Licht

Mancherorts ist die Stadt der kurzen Wege gelebte Alltagspraxis: In Kopenhagen sind durch kluge Radwegeplanung mittlerweile mehr Menschen auf dem Fahrrad unterwegs als mit dem Auto. Die 1999 im italienischen Orvieto gegründete Initiative Cittaslow (entschleunigte Stadt) knüpft an die Qualitätsvorstellungen der Slow-Food-Bewegung an. Weltweit schlossen sich ihr über 150 Städte und Gemeinden an. Oder ganz anders: Die Stadt Bohmte im südöstlichen Niedersachsen schuf 2008 eine verkehrsschilderfreie Zone, ebnete Bürger­steige ein und lässt den Verkehr – eine hochfrequentierte Lkw-Route – nach dem gesunden Menschenverstand durch die Stadt laufen. Ohne Ampel, Stoppschild und Halteverbot. Bislang meldet das örtliche Polizeirevier keine vermehrten Personenschäden.
Die Vision der Studierenden des Leuphana-Seminars „Die Zukunft gestalten – Transdiszi­pli­näre Projektarbeit“ umfasst die Verbesserung des ÖPNV: kostengünstige Tarife, höhere Taktung und umweltverträgliche Antriebstechniken. Sie sprachen mit Stakeholdern wie der Kraftverkehr GmbH (KVG). Die ist vorsichtig, aber optimistisch: „Die Mobilität in den Jahren nach 2030 sollte sich in Lüneburg an einem System der Vernetzung und ressourcenschonenden Verkehrserbringung orientieren. Ob bis 2030 ein flächendeckender Einsatz alternativer Antriebe wirtschaftlich darstellbar und die Flotte umgerüstet ist, bleibt dennoch abzuwarten“, sagt KVG-Sprecher Oliver Blau.