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Bürger unter Bäumen

Der Lüneburger Stadtwald ist ein Freilandlabor für die Enkeltauglichkeit. Dort sind Forstwirtschaft, Stadtentwicklung und Naturschutz so gut verzahnt, wie sonst selten.

Von Roy Fabian

Geradezu trotzig ragt die riesige Eiche am Ufer der Ilmenau auf. Ihre zerfurchte Borke ist knubbelig verwachsen, Wind und Wetter haben der Krone zugesetzt, und dennoch reckt sie ihr Geäst hoch und höher, ganz so, als wolle sie den Frühjahrshimmel über dem Lüneburger Tiergarten berühren. „Bäume wie dieser haben so etwas wie einen Heiligenschein“, sagt Michael Stall, als er zu Füßen der Eiche durch das Unterholz stapft. Es ist nicht nur ein ästhetisches Urteil, sondern auch eine Art Freispruch: Die knorrige Schöne darf auch in Zukunft ihre Äste recken und strecken.

Rein theoretisch könnte Stall auch anders. Als Leiter des Forstamts ist der 56-Jährige für das Wohl und Wehe der Lüneburger Stadtwälder verantwortlich. Neben dem Tiergarten betreut seine Behörde rund 40 weitere Standorte innerhalb und vor den Stadtgrenzen, insgesamt 1600 Hektar, die zugleich die Basis eines florierenden Unternehmens sind: Mehr als eine halbe Million Euro pro Jahr setzt es mit dem Verkauf von Holz um. Nach Abzug aller Kosten verbleibt ein Plus im hohen fünfstelligen Bereich, das dem Haushalt der Hansestadt zufließt.

„Ein wirtschaftlich positives Ergebnis ist mir auch wichtig“, sagt der Betriebschef. Der Eiche vom Ilmenau-Ufer wird trotzdem keine Motorsäge zu Leibe rücken: Durch die tief ansetzenden Äste sei ihr Stamm zu kurz für die verarbeitende Industrie, erläutert Stall. Zwar könne er noch einige hundert Euro mit ihr als Brennholz verdienen. „Aber das ist es mir nicht wert. Denn ich habe mich schon immer als Grenzgänger zwischen Forstwirtschaft und Naturschutz gefühlt.“

Überhaupt ist ein Wald nicht der schlechteste Ort, um jenes Streben nach der Verzahnung von Ökonomie und Ökologie, aber auch gesellschaftlichen Bedürfnissen nachzuvollziehen. Denn wohl nirgends zeigen sich die damit verbundenen Schwierigkeiten, aber auch Chancen so pointiert wie hier. Wälder sind nicht nur ein Rohstoff­lager, das sich beständig erneuern kann, sondern auch Lebensraum unzähliger Tier- und Pflanzenarten. Gerade in Stadtnähe sind sie überdies Trinkwasserreservoir, Luftfilter, Klima­anlage und seelenschmeichelnder Erholungsraum. Oder wie es Thomas Mitschke vom NABU formuliert: „Der Wald ist das Wertvollste, was wir hier in Lüneburg haben.“

Jenseits vom Holzweg

Doch schon 1988 heißt es in einer forstwissenschaftlichen Bestandsaufnahme für den früheren Regierungsbezirk: „Alle naturnahen Waldgesellschaften sind heute gefährdet.“ Die im Mittelalter von der brennholzhungrigen Saline und Viehweiden verursachten Verwüstungen konnten zwar durch Aufforstungen teilweise aufgefangen werden. Es wurden jedoch vor allem schnell wachsende Nadelgehölze gepflanzt. Alte und artenreiche Laub- und Mischwaldbestände, wie sie ohne menschliche Eingriffe rund um Lüneburg wachsen würden, haben dagegen Seltenheitswert.

Auch der Stadtwald zeugt von alten Verfehlungen. „Wir haben in unseren Beständen einen Nadelholzanteil von 60 bis 65 Prozent“, erzählt Förster Michael Stall. „Von Natur aus wären es nicht einmal fünf.“ Das ist ein Problem, stellt das doch den Erhalt der vielfältigen Funktionen in Frage. Ein artenarmer, künstlicher Wald ist weniger anpassungsfähig als die historisch alten Standorte mit großer Naturnähe, wie der Ökologe Andreas Fichtner von der Leuphana Universität erläutert. „Dort sind über Jahrhunderte vielfältige Lebensgemeinschaften entstanden, zum Beispiel haben die Böden viel mehr Pilze und Bakterien.“ Weil die Stoffkreisläufe in solchen Wäldern intakt sind, können sie kleinere Störungen gut wegstecken. „Wenn das nun radikal verändert oder zerstört wird, funktionieren die Kreisläufe nicht mehr.“

Aufgrund solcher Überlegungen folgte der Rat Lüneburgs schon 1977 einer Initiative des damaligen Forstamtsleiters Hans-Walther Eckel und beschloss, künftig die Leitlinien naturgemäßer Waldwirtschaft anzuwenden. Eckels Nachfolger Michael Stall findet das noch heute bemerkens­wert – schließlich seien die Vertreter dieser Denkrichtung in jenen Tagen vielfach als „Urwaldspinner“ bezeichnet worden.
Wobei zumindest das mit dem Urwald gar nicht so falsch ist: Seit der Umstellung lichten die Förster im Stadtwald erntereife Kiefern oder Fichten aus und bepflanzen die freien Stellen mit jährlich rund 25.000 kleinen Buchen, Bergahornen, Linden, Ulmen oder Erlen. Also mit „poten­ziell natürlicher Vegetation“, wie es im Fachjargon heißt. Diese vermeintliche Rückkehr zu längst vergangenen Zeiten ist tatsächlich eine Vorbereitung auf die Zukunft, die besagte Anpassungsfähigkeit der Wälder herausfordern dürfte. Den unter Forstwirten diskutieren Ansatz, angesichts des Klimawandels vermehrt auf trocken- und hitzeresistene Bäume aus anderen Teilen der Welt zu setzen, sieht Michael Stall jedoch skeptisch. Ja, die Forschung in dieser Frage sei wichtig. „Aber ich vermag nicht vorherzusehen, was hier im Jahr 2050 der potenziell natürlichen Vegetation entspricht. Daher reserviere ich unsere Flächen lieber für einheimische Baumarten, die seit Jahrtausenden dort zurechtkommen.“

Dabei verfolgen er und seine Mitarbeiter das Prinzip der Risikostreuung, indem sie ganze Baumartenpaletten pflanzen. „Sollten sich einige davon wirklich irgendwann verabschieden, sind dann schon andere da, die in die Bresche springen können.“ Auch wirtschaftlich ergebe dies Sinn, da man so je nach Marktsituation auf verschiedene Baumarten ausweichen könne.

Prinzip Nachhaltigkeit

Ein weiterer Grundsatz lautet: keine Kahl­schläge, sondern Orientierung am Einzelbaum. Erst wenn dieser eine bestimmte Zielstärke erreicht hat, wird er geerntet. Zudem fahren die ­Lüneburger Förster nur rund 80 Prozent des jährlichen Zuwachses ein – eine Übererfüllung des berühmten Credos von Hans Carl von Carlowitz, der vor 300 Jahren eine „nachhaltende Nutzung“ der Wälder anmahnte. Zumal in dem verschonten Holz CO2 für vorerst viele Jahre gebunden ist. Der Lüneburger Wald wird so zur klimaschonenden Kohlenstoffsenke.

Diese Strategie der Behutsamkeit hat bereits struktur- und damit artenreichere Bestände geschaffen. „Außerdem lassen wir auf jedem Hektar mindestens zehn Altbäume stehen“, sagt Stall. Freilich nicht diejenigen, die am Markt gefragt sind, sondern solche wie die Eiche vom Ilmenau-Ufer: Mit verdrehten Stämmen oder toten Ästen, mit Spechtlöchern oder Greifvogelhorsten. Bäume also, die wirtschaftlich kaum interessant, für das Mosaik und die Vernetzung von Lebens­räumen aber wichtig sind.

Überdies gibt es einschlagsfreie Zonen an Wasserläufen oder Mooren, gut fünf Prozent des Walds sind sogar komplett aus der Bewirtschaftung genommen – ganz so, wie es auch die Biodiversitätsstrategie der Bundesregierung vorsieht. Letztlich sei das Gefeilsche um Anteile aber wenig zielführend, findet der Förster. „Bald werden voraussichtlich zehn Milliarden Menschen auf dieser Erde leben. Je mehr Fläche wir bis dahin aus der Nutzung nehmen, desto intensiver werden zwangsläufig die übrigen Standorte bewirtschaftet. Intelligenter wäre es, das Lagerdenken zu beenden und Forstwirtschaft und Naturschutz auf ganzer Fläche einen möglichst hohen Stellenwert einzuräumen.“ Kurzum: „Es geht darum, die quantitative Nachhaltigkeit von Carlowitz mit einer qualitativen Komponente anzureichern.“

Für diesen Ansatz gibt es Lob: Andreas Fichtner etwa leitete an der Leuphana ein Seminar, in dem Studenten anlässlich des Projekts Zukunftsstadt 2030+ nachhaltige Visionen für den Lüneburger Forst diskutierten. Das Resümee: „Der Stadtwald steht schon jetzt ziemlich gut da, weil er auf eine Integration der verschiedenen Funktionen setzt.“ Ähnlich äußert sich Thomas Mitschke vom NABU. „Wir dürfen aber nicht vergessen“, ergänzt er, „dass wir nur deswegen noch so intakte Wälder haben, weil sie in anderen Erdteilen für unseren hohen Holzverbrauch abgehackt werden.“ Findet keine Mäßigung des Holzkonsums statt, könne das auch den Druck auf hiesige Forste erhöhen – nicht zuletzt aufgrund der steigenden Preise an den Holzmärkten.

In Lüneburg spült die hohe Nachfrage schon jetzt Geld in die Kassen. Begehrlichkeiten seitens der Stadt, den Einschlag zu erhöhen, spüre er deshalb aber nicht, sagt Michael Stall. „Da wir bereits seit zehn Jahren wirtschaftlich erfolgreich sind, gibt es dafür keine Veranlassung.“ Außerhalb der Geschäftsbücher hat sich ebenfalls etwas bewegt: Im Wald brüten wieder Kraniche, bedrohte Insektenarten wie der Eremit und Hirschkäfer krabbeln herum und des Öfteren lassen sich Schwarzstörche blicken – auch in den bewirtschafteten Teilen.

MEHR WALD unter www.waldwissen.net. BUND-Waldreport 2016: www.bund.net/?id=23187. Naturschutzoffensive der Bundesregierung: www.biologischevielfalt.de