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Schöne Halbinseln

Auf dem Biohof Tangsehl und im Kloser Lüne leben und arbeiten die Menschen nach eigenen Regeln – fernab von den Zwängen des Arbeitsmarktes, ohne ganz aus der Gesellschaft auszusteigen.

Von Magdalena Fröhlich

Morgens um vier aufstehen, mehrmals täglich in die Kapelle zum Beten und nur ihren Habit im Kleiderschrank – das wäre nichts für Charlotte Pattenden. „Oder gar ein Schweigekloster. Das würde ich nicht aushalten“, sagt die 58-Jährige und lacht und erzählt. Zum Beispiel von ihrem Sohn, den sie heute Nacht aus Hamburg vom Flughafen abholen wird. Von ihrer Tochter, die mit Freund und kleiner Tochter am Gardasee wohnt, oder ihren beiden anderen Kindern, allesamt erwachsen, die es mittlerweile ganz gut finden, dass „Mummy“ nun im Kloster lebt.

Wie aber kommt jemand ins Kloster? Pattenden sagt: wahlweise mit Auto, Rad oder Bus. Sie ist jemand mit Humor, der gern in Gesellschaft ist und eigentlich immer etwas zu tun braucht. „Deshalb ist das Kloster genau das Richtige für mich“, sagt sie. Die Voraussetzungen dafür bringt sie mit: Sie ist evangelisch, unter 65 Jahre, hat ein eigenes Einkommen und lebt in keiner Partnerschaft. Nach rund 30 Jahren ging ihre Ehe auseinander. „Ich wusste nicht, wohin ich sollte. Wir haben in Wales gelebt, die Kinder sind aus dem Haus, nur der Jüngste besucht noch ein Internat. Ich wollte nicht allein sein“, sagt sie. „Und ich wollte auch neben meinem Beruf als Übersetzerin eine Aufgabe. Da musste ich an meine Tante denken, die auch in einem Kloster lebte.“

Genau wie die anderen fünf Frauen im Kloster Lüne ist Pattenden keine Nonne, sondern eine von etwa 100 Konventualinnen in Niedersachsen. Das heißt: Sie leben zwar nach der Klosterordnung; ein Gelübde müssen die Frauen aber nicht ablegen. Sie zahlen keine Miete, bekommen eine Aufwandsentschädigung, aber keinen Lohn. Wer Pattenden besucht, betritt eine ganz normale Wohnung: zwei Zimmer, Küche, Bad. Eine karge Zelle sieht anders aus. Die Frauen versammeln sich weder täglich zum Gebet, noch werden sie mit „Schwester“ angesprochen. Sie müssen weder ihr Vermögen abgeben, noch ist es verboten, sich mit Freunden auf ein Glas Wein zu treffen. Nur zum Sonntagsgottesdienst tragen sie
Chormantel und Spitzenhäubchen, bei festlichen Angelegenheiten den Ornat. Wer Pattenden in ihrem Alltag trifft, wird kaum erkennen, dass sie in einem Kloster wohnt.

Lebensstil statt Arbeitsstelle

Trotzdem unterscheidet sich das Leben in dem über 800 Jahre alten Benediktinerinnen-Kloster von einem gewöhnlichen Leben. „Wir sind kein Mehrgenerationenwohnheim neben einer Kirche“, sagt Pattenden. Wer in die klösterliche Gemeinschaft eintritt, muss sich klar sein: Das ist kein bloßer Mietvertrag mit Glockenläuten statt Küchendienst. Auch wenn es keine Stundenvorgabe gibt, haben die Frauen häufig nur einen freien Tag pro Woche. „Das ist kein Problem, wenn man das Kloster als sein Leben annimmt, nicht als eine Arbeitsstelle“, erklärt Pattenden. Die Aufgaben sind unterschiedlich: Pattenden organisiert Konzerte und übernimmt wie alle anderen Konventualinnen auch Führungen durch das Kloster und das zugehörige Museum. Einmal in der Woche ist Arbeitsbesprechung. Den Vorsitz hat Äbtissin Reinhild Freifrau von der Goltz. Sie ist Managerin und Repräsentantin zusammen. Was sie sagt, ist Gesetz. „Auch wenn die Äbtissin das letzte Wort hat, berücksichtigt sie die Meinung aller anderen“, sagt Pattenden, die mit der Hierarchie kein Problem hat.

Ein Jahr ist es nun her, dass sie sich für das Kloster entschieden hat und sie ist sich sicher: „Hier will ich bleiben. Das Kloster hat mir Wurzeln gegeben, ohne mich einzuengen. Wo sonst lebe ich mit Menschen unter einem Dach, die die gleichen Werte vertreten, und kann mein Leben trotzdem frei gestalten?“ Auch wenn es kaum gemeinsame Rituale gibt, treffen sich die Frauen regelmäßig. Zum Beispiel in gemütlicher Runde bei Torte, Prosecco oder Mineralwasser nach dem Vespersingen. Die Äbtissin hat eingeladen. Obwohl es ihre Privatwohnung ist, darf jeder kommen, egal ob Männer oder Frauen. Die Wohnung ist voll, es wird gelacht. „Schön, oder?“, sagt Pattenden

Sechs Leute, ein Haus, ein Job, ein Gehalt

„Schön, oder?“ So begrüßt auch Olivier Hoffmann Besucher, die zu ihm auf den Hof kommen und die Kühe auf der Weide sehen. Der 31-Jährige wohnt hier gemeinsam mit seiner Freundin und zwei anderen Paaren samt drei Kindern auf einem Bio-Bauernhof in Tangsehl, 35 Kilometer östlich von Lüneburg. Den Hof hat die Gruppe gemeinsam gepachtet und bringt ihn nun wieder in Schuss. Zum Hof gehören eine Gärtnerei, eine Milchkuhherde, eine Käserei, 100 Hühner, Kartoffel- und Getreideäcker sowie jede Menge Wiesen. Insgesamt sind es neunzig Hektar Land. Dafür haben die sechs Freunde ihr ganzes Geld zusammengeschmissen. Jeder hat das, was er auf dem Konto hatte, in den Betrieb gesteckt. Sie arbeiten alle gemeinsam dort und bekommen, egal wer wie viel auf dem Feld arbeitet oder in der Käserei steht, das gleiche Gehalt. Stundenzettel gibt es nicht. Einen Chef auch nicht. Wenn etwas den ganzen Betrieb betrifft, gilt: Eine Entscheidung wird erst dann getroffen, wenn jeder einverstanden ist. Ansonsten wird weiter diskutiert. Sollte das auch nicht klappen, muss ein Mediator eingeschaltet werden. So steht es in den Regeln. „Das wäre aber worst case“, so Olivier. Zusammen arbeiten und wohnen, gemeinsame Finanzen: „Das ist, als hätte ich fünf Leute geheiratet“, sagt Olivier und lacht. „Wir haben eine Art Ehevertrag.“

Die Gruppe bewirtschaftet den Hof als GbR, von der Pleite bis zur Trennung sind sämtliche Eventualitäten geregelt. Verlässt jemand die Gemeinschaft, erhält er seine Anteile, die er eingebracht hat, zurück. Verschuldet sich die GbR, muss jeder mit seinem Privatvermögen haften. Neid, dass jemand zu viel bekommt, zu wenig arbeitet, die schöneren Zimmer hat oder immer bestimmen will, ist darin nicht vorgesehen.

Seit der Gründung vor drei Jahren sei das auch noch nicht vorgekommen. Gemeinschaftserprobt ist die Gruppe: Alle sechs haben vorher zusammen in einer Zehner-WG gewohnt. Seit sieben Jahren kennen sie sich, einige auch schon länger. Bis auf Olivier, der Ethnologie studiert hat, kommen alle anderen aus der Landwirtschaft oder dem Gartenbau. Ihr gemeinsamer Traum ist es, einen möglichst vielseitigen Hof ökologisch zu bewirtschaften – und zwar unabhängig von Marktzwängen. Deshalb haben sich die sechs nicht nur eine andere Art des Wohnens, sondern auch des Wirtschaftens ausgesucht: Sie arbeiten nach dem Prinzip der solidarischen Landwirtschaft (auch CSA, community supported agriculture genannt).

Wo es keine Preisschilder mehr gibt

Das funktioniert so: Jedes Jahr errechnet Olivier, wie viel Geld der Hof braucht. Dieser Betrag wird durch die Anzahl an Leuten geteilt, die der Hof mit Lebensmitteln versorgen kann. Wer Gemüse, Milchprodukte, Fleisch und Eier vom Hof beziehen will, zahlt momentan monatlich 160 Euro Mitgliedsbeitrag. So kann der Hof unabhängig von den Preisvorgaben einer Molkerei wirtschaften, muss sich auf keine Preistreiberei einlassen und bekommt auch dann noch den Mitgliedsbeitrag, wenn die Ernte mal nicht so gut ausfällt. Rund 80 Höfe wirtschaften in Deutschland nach diesem Modell. Mindestens genauso viele sind in Planung.Über Tausend existieren schon in den USA und in Frankreich. Statt Preisschilder für einzelne Produkte gibt es einen pauschalen Betrag, der die Kosten des Betriebs deckt. Weil es keine Preisschwankungen gibt, kann der Hof besser planen.

Die Mitglieder dürfen sich bei einer guten Ernte dafür auch reichlich aus den Kisten, die sowohl auf dem Hof als auch in einem Raum in Lüneburg-Ebensberg stehen, bedienen. Ein Kühlschrank steht dort ebenfalls. Damit es gerecht zugeht, gibt es eine Liste mit einer ungefähren Mengenangabe.Außerdem bekommt jeder eine Wäscheklammer, die er auf eine Leine steckt. Wenn man sieht, dass sich die meisten Mitglieder schon ihren Anteil abgeholt haben, es aber noch reichlich Salat gibt, dann darf man zugreifen. So reicht es für alle und es entstehen kaum Reste.

Aber wer lässt sich auf so etwas ein und bezahlt immer den gleichen Beitrag, ohne dass er genau weiß, was er dafür bekommt? „Momentan 170 Leute und es gibt eine Warteliste“, sagt Olivier. Der Grund: „Vielen Menschen ist es wichtiger, zu wissen, dass ihre Lebensmittel nicht quer durchs Land transportiert werden und dass die Qualität stimmt, als dass sie unabhängig von der Saison alles immer verfügbar haben“, so Olivier, der sich auf dem Hof um die Mitglieder kümmert. Die kommen aus ganz unterschiedlichen Familien- und Einkommensverhältnissen. Als autarkes Wirtschaftsmodell sieht Olivier die solidarische Landwirtschaft nicht. „Aber es ist ein Modell, das uns von kapitalistischen Zwängen, wie einer ständigen Gewinnmaximierung, befreit.“ Was idealistisch klingt, ist auch wirtschaftlich rentabel: Der Hof schreibt schwarze Zahlen.

Anders Aussteigen unter: http://www.tangsehl.de/, http://www.solidarische-landwirtschaft.org, http://www.kloster-luene.de/