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„Die 20-Stunden-Woche fällt nicht vom Himmel“

Wirtschaftswachstum ist heute kein Garant mehr für sichere Arbeitsplätze. Knapper werdende Ressourcen stellen ein Weiter-so in Frage. Im Gespräch mit „Was zählt.“ loten der Oldenburger Postwachstumsökonom Niko Paech und der Lüneburger Gewerkschafter Matthias Richter-Steinke aus, ob eine Wirtschaft ohne Wachstum die Lösung für den Arbeitsmarkt der Zukunft wäre.

Von Anja Humburg

Viele ächzen schon heute unter zu viel Arbeit, andere haben gar keine. Warum nicht einfach Arbeit umverteilen?

Matthias Richter-Steinke: Die Gewerkschaften haben lange dafür gekämpft, Arbeit gerechter zu verteilen, also die vorhandene Arbeit auf eine geringere Arbeitszeit zu verlagern. Bis zur 35-Stunden-Woche sind wir gekommen – allerdings auf Kosten des Lohns. Das hat es furchtbar unattraktiv gemacht, Arbeitszeit zu verteilen.

Bislang wird Wachstum noch als das Allheilmittel einer gesunden Wirtschaft angesehen – brauchen wir weiterhin Wirtschaftswachstum, um neue Arbeitsplätze zu schaffen?

MRS: Es ist schwierig, zu sagen, man könne ganz auf Wachstum verzichten. Die Frage ist nur: auf welches. Vom Wachstum muss etwas bei den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ankommen. Mit einer gesteigerten Kaufkraft könnten sie mehr Dienstleistungen nachfragen. Besonders im sozialen Bereich sehen wir ein Potenzial an guten Arbeitsplätzen. Nicht nur weil es einen Fachkräftebedarf gibt, sondern auch weil wir mehr ältere Menschen zu versorgen haben. Verfechter von Wachstum allein sind wir Gewerkschaften also nicht.

Niko Paech: Das ökologische Problem lösen Sie aber nicht, wenn wir unsere Kaufkraft weiter
steigern. Menschen in Überflussgesellschaften ist es zuzumuten, sozialen Fortschritt nicht nur als historische Einbahnstraße zu begreifen. Nach dem Motto, dass jeder beliebige Wohlstand, der einmal erreicht wurde, plötzlich ein Gesetz oder Menschenrecht darstellt. Konsumansprüche, Wohnraumansprüche, vor allem Mobilitätsansprüche sind immens gestiegen. Oft sind zwei Hauptverdiener nötig, um diese dann auch zu erfüllen. Die Ansprüche sind gestiegen, gleichzeitig schwinden die Ressourcen.

Was bedeuten die ökologischen Grenzen für die Zukunft der
Arbeit?

NP: Die Frage wäre: Können wir uns auch ohne Geld und ohne Industrie versorgen? Teilweise. Niemals ganz, das wäre Mittelalter. Mit der Postwachstumsökonomie durchbrechen wir die Logik der reinen Konsum- und Industriewirtschaft.

Wie soll das konkret aussehen?

NP: Wir würden nur noch etwa 20 Stunden pro Woche für Geld arbeiten. Die freigewordene Zeit würden wir nutzen, um uns selbst zu versorgen. Das Teilen von Gütern zum Beispiel, auch von hochmodernen, kann viel Geld und Ressourcen sparen. Aber das fällt nicht vom Himmel. Was wir brauchen ist soziale Vernetzung, handwerkliche Befähigung und eben Zeit.

Was lässt Sie zögern für eine Postwachstumsökonomie auf die Straße zu gehen, Herr Richter-Steinke?

MRS: Die Frage ist, kann man davon leben? Ja, wenn so viele Steuern erhoben werden, um die Grundbedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger auch in den Niedriglohnbereichen abdecken zu können. Wenn es um Wohnungsbau oder Bildung geht, dann sind die Mittel viel zu rar. Warum bauen und kaufen die Menschen Häuser? Warum können sie sich nicht den Rasenmäher oder das Auto teilen? Diese Fragen hängen auch damit zusammen, ob und auf welche Weise man sich absichert. Und das findet immer noch über das Einkommen beziehungsweise über das Eigentum statt und nicht über ein voll funktionstüchtiges Sozialsystem. Solange soziale Absicherung aber sehr stark auf Haben und Besitzen ausgerichtet ist und nicht auf Teilen und Gemeinwesen, werden wir uns vom gängigen Arbeitsmodell nicht lösen können.

NP: Ich sehe den Zusammenhang zwischen Wachstum und sozialpolitischer Sicherung 
anders. Es wird so viel in Bildung investiert, dass nur noch Menschen rumrennen, die so gebildet sind, dass sie nichts mehr können, außer gebildet zu sein. Die Angst vor einer unsicheren Zukunft lässt sich nur lindern, indem man sich unabhängiger von Geldversorgung macht. Eine Schraube in die Wand zu drehen oder ein Textilobjekt zu reparieren, das hat nicht nur etwas mit Ökologie zu tun, sondern auch mit Autonomie, also mehr Unabhängigkeit infolge einer geringeren Fallhöhe. Krisenfestigkeit kann nicht nur etwas sein, das der Staat herstellt. Menschen müssen auch selbst oder in Netzwerken in der Lage sein, Beiträge zur Deckung der Grundbedürfnisse zu erbringen.

Reicht es für ein gutes Leben, 20 Stunden zu arbeiten, wenn ich nur neun Euro die Stunde verdiene, Herr Paech?

NP: Davon ist die Mehrheit nicht betroffen. Klar ist dennoch, dass untere Einkommensschichten erstens eines Schutzes bedürfen, zweitens eine längere Übergangsphase benötigen, um diesen Schritt gehen zu können.

MRS: Und was sagt der Arbeitgeber dazu? In manchen Bereichen ist es gar nicht möglich, unterhalb der fast gängigen 39-Stunden-Woche zu bleiben.

NP: Ich bin da optimistischer. Ich habe den Eindruck, dass es inzwischen aus Sicht vieler
Arbeitgeber gar nicht so uninteressant ist, sich mit Teilzeitmodellen zu beschäftigen. Burn-out,
Depression, Reizüberflutung und die damit abnehmende Produktivität oder die Zunahme der
Fehler, die infolge von zunehmender Oberflächlichkeit gemacht werden, beschäftigen inzwischen sogar das Personalmanagement.

Was sind im Gegenzug aus Ihrer Sicht die Voraussetzungen für gute Arbeit?

MRS: Die Mitbestimmung im Unternehmen ist entscheidend für die Qualität meiner Arbeit. Wird meine Arbeitskraft nur abgerufen? Oder werde ich gefragt, wenn es darum geht, welche Ausrichtungen ein Unternehmen nimmt? Als Gewerkschaften setzen wir uns stark dafür ein, dass Mitbestimmung nicht nur durch Reglementierung und strukturierte Prozesse stattfindet, sondern auch gelebt wird.

NP: Ich bin auch der Meinung, dass es in der Wirtschaft nicht demokratisch genug zugehen kann. Aber nicht jede Form des Produzierens verträgt Mitbestimmung. Mitbestimmung in der Industrie ist paradox. Die Industrie ist dermaßen fragmentiert, was die Zerlegung jedes Produktionsvorgangs in spezialisierte Teilprozesse anbelangt, dass man als Rädchen eines größeren Betriebes nicht an irgendeiner Stelle demokratisch entscheiden kann, etwas radikal anders zu machen. Die Grundbedingung für Mitbestimmung ist: Wir brauchen viel kürzere Wertschöpfungsketten. Mehr Handwerk, weniger Hightech. Dann können Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer den Überblick über den Gesamtprozess haben, der es ihnen erlaubt mitzugestalten.
Wie könnte denn der Lüneburger Arbeitsmarkt in Zukunft aussehen?

MRS: Arbeitsmarktpolitik darf nicht allein auf die Ansiedlungspolitik im Bereich Industrie ausgerichtet sein. Es sollte viel mehr darum gehen, welche zwischenmenschlichen Dienstleistungsbereiche wir hier vor Ort schaffen können. Um zu einer breiteren Attraktivität zu kommen, sind auch Tarifrunden wie jetzt im Erziehungswesen notwendig.

Was kann Lüneburg tun, um für gute Arbeit jenseits des Wachstums zu sorgen?

NP: Benötigt wird ein Unternehmertum, das Gebrauchtgüterhandel, Reparaturservices und gemeinschaftliche Nutzung anstelle von Produktion als Leistung anbieten kann. Ich habe keine eigene Bohrmaschine, auch keinen Akkuschrauber. In Oldenburg gibt es einen Baumarkt, über den ich so etwas leihen könnte, wenn es keinen Nachbarn gibt, mit dem ich derlei Geräte teile. Das schont mich davor, ständig in Dinge investieren zu müssen, die ich nur ganz wenig gebrauche. Wir benötigen Repair-Cafés, offene Werkstätten und auch professionelle Reparaturservices.

Und was wäre Ihre Forderung an die Politik?

NP: Die Wirtschaftsförderung sollte anders als bisher betrieben werden. Statt noch mehr Investoren anzulocken oder weitere Baugebiete auszuweisen, könnte sie die Befähigung zur Selbstversorgung in Lüneburg steigern, zum Beispiel durch Gemeinschaftsgärten. Die Kommune kann Parkplätze zurückbauen, teilweise kann man sie entsiegeln. Oder Carsharing anbieten. Das muss nicht immer kommerziell betrieben werden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Prof. Dr. Niko Paech ist seit 2008 außerplanmäßiger Professor am Lehrstuhl für Produktion 
und Umwelt an der Universität Oldenburg und Begründer der Postwachstumsökonomie, die eine Wirtschaft ohne Wachstum beschreibt. Paech ist Träger des KAPP-Forschungspreises für Ökologische Ökonomie. Zuletzt erschien sein Buch „Befreiung vom Überfluss“
im oekom Verlag. http://www.postwachstumsoekonomie.de

Dr. Matthias Richter-Steinke ist seit 2012 Geschäftsführer des Deutschen Gewerkschaftsbundes für die Region Nord-Ost-Niedersachsen und ehrenamtlicher DGB-Kreisverbandsvorsitzender in Lüneburg. Der bundesweite DGB-Index „Gute Arbeit“ misst regelmäßig die Zufriedenheit von Arbeitnehmerinnen und 
Arbeitnehmern. http://index-gute-arbeit.dgb.de/