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Gute Arbeit jenseits des Hamsterrads

Arbeit ist ein historisch gewachsener Begriff. Um das, was wir brauchen, geht es dabei kaum mehr.

Von Annette Jensen

Wer heute Arbeit denkt, denkt Erwerbsarbeit.Nichtvermögende sind darauf angewiesen, Geld zu verdienen – denn ohne Geld gibt es kaum Möglichkeiten, an die zum Leben notwendigen Dinge heranzukommen. Doch das Konzept trägt nicht mehr. In Spanien und Griechenland findet ein Großteil der jungen Leute keinen Job, und auch in Deutschland ist es eine Illusion, dass es genügend Stellen gibt.

Die Bundesagentur für Arbeit mit ihren 100.000 Beschäftigten, die oft selbst nur befristete Verträge haben, fordert von ihren „Kunden“ mehrere Bewerbungen pro Monat – obwohl in vielen Fällen klar ist, dass das niemals zum Erfolg führen wird. Die Zahl der Arbeitssuchenden übersteigt die Menge der angebotenen Arbeitsplätze seit Jahren um ein Vielfaches. Als ein Auszubildender der Bundesagentur in einem Blog auf dieses strukturelle Problem hinwies und eine Diskussion darüber einforderte, flog er raus. Solches Verhalten gilt als Nestbeschmutzung in einer Institution, deren politischer Auftrag darin besteht, die individuellen „Vermittlungshemmnisse“ der Arbeitslosen zu beseitigen.

Hinschmeißen gilt nicht

Obwohl es seit Jahrzehnten nicht mehr klappt, orientiert sich die Politik am Ideal der Vollbeschäftigung; Steuer- und Sozialsysteme sind darauf aufgebaut. Hier liegt auch der Kern, warum sich alle Parteien so krampfhaft aufs Wirtschaftswachstum fixieren. Bis Anfang der 1970er-Jahre hatte das ja tatsächlich funktioniert: Produktivität und Gewinne stiegen ständig, und die Dynamik reichte aus, um die Zahl der wegrationalisierten Jobs durch neue, modernere zu ersetzen. Doch längst genügt der Schwung nicht mehr, um alle Menschen im System zu halten. Was stattdessen passiert, ist eine immer krassere Spaltung der Gesellschaft in Reiche und Arme. Oben
sammelt sich das Geld, das nur noch zu einem Bruchteil in die Realwirtschaft investiert wird, in der Menschen etwas verdienen können. Das meiste fließt in Finanzprodukte, deren Erträge erneut zum Kauf von Geldanlagen eingesetzt werden. Derweil tobt unter denjenigen, die nichts zu verkaufen haben als ihre Arbeitskraft, ein harter Konkurrenzkampf.

Die Zahl schlecht bezahlter Jobs ist explodiert, längst garantiert auch eine akademische Ausbildung kein sicheres Auskommen mehr. Wer nichts findet, fühlt sich als Bittsteller. Die tief im gesellschaftlichen Bewusstsein verankerte Vorstellung, dass persönliche Defizite die Ursache von Arbeitslosigkeit sein müssen, schiebt den Betroffenen die Schuld an ihrer Lage zu: zu faul, zu dumm, zu wenig kreativ, schlecht ausgebildet, krank oder bepackt mit Familienpflichten, die dem vollen Einsatz für einen Betrieb im Wege stehen. Beschämt und gelähmt machen sich viele Hartz-IV-Empfänger möglichst unsichtbar und nehmen demütig die Lebensmittel entgegen, die sie bei den Tafeln geschenkt bekommen.

Vom Sinn der Arbeit

Aus dem Blick gerät, was der eigentliche Sinn von Wirtschaft ist: Bedarf zu befriedigen. In der heutigen Ökonomie ist das kein Kriterium – sonst stünde die Herstellung von Grundnahrungsmittelnfür Hungernde an oberster Stelle. Stattdessen erzeugt das Wachstumskarussell den Zwang, immer schneller immer mehr auf den Markt zu werfen. Entsprechend müssen Unternehmen ständig neue, künstliche Bedürfnisse wecken und die Infrastruktur so beeinflussen, dass laufend Nachfragedruck entsteht. Selbst Konsumkritiker kommen heute nicht mehr ohne Laptop und Handy aus.

Viele Menschen haben darauf keine Lust mehr. Sie wollen nicht länger auf Kosten asiatischer Näherinnen leben, die täglich 14 Stunden, sieben Tage die Woche billige T-Shirts produzieren, die nach drei Wäschen kaputtgehen. Stattdessen möchten sie die Dinge des Alltags selbst in die Hand nehmen, sie überblicken und verantworten können. Und sie wollen Spaß an ihren Tätigkeiten haben. Deshalb wachsen überall Gruppen und Projekte, die nach eigenen Kriterien wirtschaften – auch in und um Lüneburg. Die Zukunftsgenossen erzeugen gemeinschaftlich ihre eigene Energie, im Keller der Uni betreiben Studierende einen Umsonstladen. Auch Pioniere wie die Hofgemeinschaft Tangsehl oder das Sozialunternehmen mela wear zeigen: Hier überall wird eifrig gearbeitet. Im Zentrum steht aber nicht, viel Geld zu verdienen, sondern den wirklichen Bedarf der Beteiligten oder anderer ortsnah Wohnender zu befriedigen. Zwar findet das Ganze bisher noch in Nischen statt. Doch nichts ist überzeugender als die alltägliche Erfahrung, dass etwas funktioniert.

Für einen grundlegenden Umbruch sind oft nur wenige Prozent einer Bevölkerung nötig, die überzeugt in eine Richtung ziehen. Das kann ansteckend wirken.

 

Annette Jensen ist Journalistin und Politikwissenschaftlerin. 1992 gründete sie das taz-Ressort „Wirtschaft und Umwelt“ mit. Zuletzt veröffentlichte sie zusammen mit Ute Scheub „Glücksökonomie. Wer teilt hat mehr vom Leben“. Sie lebt in Berlin.