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Die Selbstversorgerin

Seitdem Kühlschränke ab den 50er-Jahren für jedermann erschwinglich wurden, essen die Deutschen immer mehr Fertigprodukte. Bei einer Familie in Sassendorf ist das anders: Ein Besuch bei Heike Schölzel, die ihre Vorräte noch selbst einkocht.

Von Sandra Kirchner

Das Regal scheint sich unter den Einmachgläsern fast zu biegen. Mischgemüse, Sauerkraut und Grünkohl drängen sich zwischen der Zucchini in Curry und der selbst gemachten Marmelade. Daneben stehen Leber-, Rot- und Blutwurst im Glas, Selbstgeräuchertes wartet auf den Verzehr. Wer sich im Vorratskeller von Heike Schölzel aus Sassendorf umschaut, fühlt sich in längst vergangene Zeiten zurückversetzt. Seit jeher kocht die aktive Landfrau Obst und Gemüse aus dem heimischen Garten ein.
Als Arbeit empfindet die tatkräftige Hausfrau mit den hellen Augen und den blonden Haaren das nicht. „Es macht mir Spaß, die Erde umzugraben. Das war schon immer so“, lächelt sie.

Schölzels Garten liegt gleich neben dem alten Bauernhaus. Mit festem Schritt schreitet die 54-Jährige voran und deutet auf die dichten Reihen von Grünkohl, der erst nach dem ersten Frost geerntet werden kann. Einmal die Woche zupft, jätet und hackt sie hier für mehrere Stunden, außerdem nimmt sie sich jeden Tag morgens und abends eine halbe Stunde Zeit, um den Garten in Schuss zu halten und auch die Tiere zu versorgen. Denn neben der Familie leben auch mehr als 30 Hühner und Enten, zehn Gänse und neun Puten auf dem Hof kurz hinter dem Elbdeich.

Vier Generationen packen mit an

Besonders die Gänse stimmen lautes Geschnatter an, als Schölzel an ihnen vorbeiläuft. „Viel zu tun ist eigentlich nur im Juni und im Juli“, erzählt sie. Und im Dezember, wenn die Enten geschlachtet werden. Dann müssen alle aus der Familie helfen. Gemeinsam rupfen vier Generationen – von den Enkelkindern bis zur Uroma – die Federn. An solchen Tagen mag Schölzel das Gemeinschaft­liche. „Wir machen das für die ganze Familie, also hilft jeder“, sagt die Sassendorferin. Aber auch sonst bindet sie die Kinder oft in die Aufgaben ein und gibt nebenher ihr Wissen an die nächsten Generationen weiter. Wenn sie Saft aus Holunderbeeren mache, erzählt sie, dürften die Enkelkinder die Saftflaschen auswaschen und mit Wasser spritzen – ein großer Spaß.

„Man muss die Kinder auch mal im Haushalt mitmachen lassen“, findet Schölzel. Nur so könnten sie was lernen und eigene Erfahrungen sammeln. Ihre achtjährige Enkeltochter hat bereits ein Backbuch mit selbst gesammelten Rezepten. Aber wie man ihren Lieblingskuchen – einen Zitronenkuchen – macht, weiß die Kleine schon auswendig.

Das Wissen von damalsist heute noch nützlich

Schölzel selbst hat vieles noch von ihrer Mutter gelernt. Aber auch in der Berufsschule hatte sie alle 14 Tage Heim- und Familienpflege. Eine strenge Lehrerin habe den Mädchen damals allerlei Wissen eingebläut und immer darauf gepocht, dass es auch so gemacht werde, erinnert sich Schölzel. „Aber das war alles nützlich.“

Ganz unabhängig sind Schölzels allerdings nicht: Butter, Mehl, Zucker und Milchprodukte kaufen sie nach wie vor ein. Doch die selbst produzierten Lebensmittel schmecken allen Familien­mitgliedern am besten.

In Hohnstorf kochen noch drei weitere Haus­halte ein, weiß die Selbstversorgerin. Sie verstehe, sagt sie, dass Berufstätige das Gärtnern, das Schlachten und das Einkochen als zusätzliche Belastung empfänden. Viele sagten ihr auch, das könne man alles viel günstiger einkaufen. Schölzel entgegnet dann: „Aber frischer bekommt man es nicht.“