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Ei, wo ist dein Bruder?

Täglich um vier kräht auf dem Bauckhof der erste Hahn, als einer von rund 4000.Das ist nicht normal. Denn die Brüder von Legehennen werden meist kaum einen Tag alt.Dann landen sie im Schredder. Ein paar Biohöfe wollen das ändern.

Von Magdalena Fröhlich

„Mancher gibt sich viele Müh’ mit dem lieben Federvieh. Einesteils der Eier wegen, welche diese Vögel legen. Zweitens: Weil man dann und wann einen Braten essen kann.“
Wilhelm Busch hat das in „Max und Moritz“ gedichtet. Das war 1865 – und gilt heute nicht mehr. Warum? Heute gibt es kaum noch Hühnerrassen, die Eier und Fleisch geben. Statt Allrounder züchten Unternehmen nur noch Spezialisten: die einen für das Brathähnchen, die anderen für das ­Frühstücksei.
Denn ein Huhn wie bei „Max und Moritz“ ist heute nicht mehr wirtschaftlich – es liefert von beidem, Fleisch und Eiern, zu wenig. Deshalb gackern sogar auf Biohöfen nur die Spezialisten-Hühner. Und die Hähne haben eventuell ein Problem: Sind sie nämlich kein Masthuhn, sondern der Bruder einer Legehenne, haben sie keinen Job. Ein Hahn legt eben keine Eier. Und als Brathähnchen taugt er nicht – er stammt ja genau wie seine Schwestern von der Eier-Spezialisten-Linie ab und setzt daher nicht so viel Fleisch an wie ein Masthähnchen. Deshalb werden die Brüder der Hennen gleich nach dem Schlüpfen getötet.

Die Hennen füttern ihre Brüder durch

Biobauer Yanic Arndt will da nicht mitmachen. Er will die Brüder der Legehennen vor dem Schredder bewahren. Jährlich sind das rund 40 Millionen Tiere allein in Deutschland – so viele Legehennen gibt es hierzulande. Und sie alle hatten einen Bruder. Auf dem Bauckhof in Klein-Süstedt bei Uelzen haben sie ihn noch immer. Dort kümmert sich Arndt um die Vermarktung. „Eigentlich wäre es total unrentabel, die Bruderhähne großzuziehen“, sagt er. Denn ein normales Masthuhn wiegt nach zehn Wochen rund 2,5 Kilogramm. Ein Bruderhahn ist da erst halb so schwer – bei der gleichen Menge Futter. „Weil der Hahn doppelt so viel kostet wie ein anderes Biohähnchen, schlagen wir beim Ei vier Cent oben drauf. Davon sind drei Cent für die Aufzucht der Bruderhähne und ein Cent für den Verein Bruderhahn Initiative Deutschland. Die Henne finanziert also ihren Bruder“, erklärt Arndt. Rund 7,50 Euro mehr kostet die Aufzucht so eines Hahnes, das heißt: Die Henne muss 250 Eier legen, um ihren Bruder durchzufüttern. Nur so kann ihn der Bauer zum gleichen Preis verkaufen wie ein Demeter-Masthühnchen.
Diesem Konzept folgen rund 15 weitere Betriebe, die alle eine Bioland- oder Demeter-Zertifizierung haben – also strenger sind als das EU-Bio­siegel. Hinzu kommt: „Wer das Bruderhahn-Logo benutzen möchte, muss sich noch einmal extra zertifizieren, also kontrollieren lassen“, erklärt Pamela Wieckmann, die die Initiative bundesweit koordiniert. „Der Kontrolleur prüft dann, was mit den vier Cent extra pro Ei passiert ist – ob tatsächlich entsprechend viele Bruderhähne davon aufgezogen wurden.“ Ähnliche Querfinanzierungsmodelle gibt es auch unter anderem Namen, zum Beispiel Ei-Care, Ein-Ei-für-Zwei oder Hähnlein.

Triste Qual im konventionellen Mastbetrieb

Außerdem dürfen die Tiere, wenn sie mit dem Bruderhahn-Siegel vermarktet werden, nie mit Antibiotika behandelt worden sein, weder als Küken noch als Hahn oder Henne. Nur wenn andere Medikamente nicht helfen, bekommen die Tiere Antibiotika – sie sollen ja schließlich nicht leiden müssen. Mit dem Logo der Bruderhahn Initiative dürfen sie dann allerdings nicht mehr vermarktet werden. „Ein Huhn kann sehr gut ohne auskommen, wenn man es gut hält“, sagt Bauckhof-Bauer Arndt.
Allerdings: Rund 85 Prozent aller Masthühner in Niedersachsen bekommen Antibiotika. Den meisten wird auch der Schnabel gekürzt – als Schutzmaßnahme, damit sie anderen Hühnern nicht die Federn auspicken. Federlose, nackte Hühner sind allerdings oft ein Zeichen von Langeweile – die Tiere haben schlichtweg nichts anderes zu tun. In einem Stall, in dem sie weder nach Würmern scharren können, noch Platz haben, ihre Umgebung zu erkunden, beschäftigen sie sich mit sich selbst: indem sie sich die Federn auspicken.

Weil diese Masthühner zudem viel Kraftfutter bekommen und kaum Raum zum Bewegen haben, setzen sie schnell Fleisch an. Das Skelett wächst aber nicht so schnell wie die Muskeln. Die Folge: Die Knochen der Tiere kommen bei so viel Fleischmasse einfach nicht mehr mit, können das Tier kaum tragen, werden spröde – und brechen.

Luxusleben für Hühner

Da haben es Biolegehühner schon deutlich besser: Statt neun Hühner pro Quadratmeter dürfen hier maximal sechs Tiere pro Quadrat­meter im Stall leben. Und sie dürfen den Stall verlassen: Ein Auslauf im Grünen ist Pflicht.

Auf dem Bauckhof haben die Hühner die Nobel­variante erwischt: Sie haben sogar alle sechs Wochen einen anderen Ausblick. Dann zieht Arndt ihren mobilen Stall auf Kufen einfach ein Stückchen weiter – dorthin, wo es wieder frisches Gras gibt. Auch sonst können über 90 Prozent der anderen Hühner neidisch sein. Denn so viele leben in konventioneller Haltung. Nur rund acht Prozent sind laut statistischem Bundesamt Bio­lege­hennen.

Wieso kostet Bio mehr?

Bio, das heißt für den Kunden: Das Ei kostet rund 50 Cent, ungefähr 30 Prozent mehr als ein konventio­nelles Ei. Und das Fleisch von Biohühnchen ist sogar rund dreimal teurer als das aus kon­ven­tio­neller Massentierhaltung.

Aber Bio, das heißt für das Huhn: Ein Stall mit Sitzstangen, Auslauf im Grünen – und vor allem Futter ohne Gentechnik. Das kostet Geld. „Das Futter macht den größten Unterschied beim Preis aus, rund 80 Prozent“, sagt Arndt. „Weil die Hühner weniger Kraftfutter als in der konventionellen Haltung bekommen, legen sie weniger Eier und setzen nicht so schnell Fleisch an“, erklärt er. Will heißen: Wer viel in das Huhn hineinsteckt, bekommt auch viel heraus: Rund 300 Eier jährlich beträgt der Durchschnitt bei konventionellen Hühnern, ein Biohuhn legt circa 50 weniger. Beim Fleisch ist das nicht anders: Gut 70 Gramm nimmt ein konventionelles Huhn im Schnitt täglich zu und wird nach rund fünf Wochen geschlachtet. Ein Biohuhn braucht dafür fünf Wochen länger; ein Bruderhahn braucht noch einmal zehn Wochen mehr, bevor er dann direkt auf dem Bauckhof geschlachtet wird.
Kükenzucht und Kinderstube extern

Allerdings verbringen die Hähne nur einen Teil ihres Lebens hier. Denn das Geflecht hinter den Bruderhähnen ist weit gestrickt: Die Küken stammen von einer Brüterei in Baden-Württemberg. Diese bekommt die Eier wiederum von einem Betrieb aus Nordrhein-Westfalen, dessen Elterntiere von einem weltweit operierenden Geflügelzuchtunternehmen stammen. Sind die Küken geschlüpft, kommen sie zu einem Junghennen-Aufzüchter.

Erst mit sechs Wochen landen die Jungtiere dann auf dem Bauckhof. Aber warum kümmert sich der Betrieb nicht selbst um die Küken? Immerhin gäbe es ja genug Hühner und Hähne. Die Ursache liegt in der Biologie: Weil die Tiere Hybride, also die Kreuzung zweier Inzuchtlinien sind, können sie ihre speziellen Zuchteigenschaften nicht an ihre Nachkommen weitergeben.

Stark vereinfacht ist das so wie im Schulbuch zur Mendelschen Vererbungslehre: Das Ziel sind rosa Blumen. Also kreuzt man weiße Blumen mit roten. Dann kommen rosafarbene heraus. Kreuzt man dann aber wieder die rosafarbenen untereinander, spalten sich die Eigenschaften auf: In rosafarbene, rote und weiße Blumen. Ist nur rosa gewünscht, sind die anderen unrentabel.

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Hybrid heißt also Tiere mit mehr Leistung. Es heißt aber auch: Der Bauer ist auf die Zuchtunternehmen angewiesen, er braucht ja ständig neuen Nachschub. Auch das will die Bruderhahn Initiative ändern. „Einen Teil der Mitgliedsgebühren stecken wir in die Zucht neuer Rassen“, sagt Wieckmann. „Denn momentan gibt es einfach keine Rassen, die von Biotieren abstammen.“ Hier spielt auch das Zweinutzungshuhn eine Rolle – ein Huhn, das wieder beides kann: sowohl Eier legen als auch Fleisch ansetzen.

Kein entweder-oder

Das würde auch dem Kükenmord ein Ende setzen. Laut Tierschutzgesetz ist es schon jetzt verboten „Tiere ohne vernünftigen Grund“ zu töten. Ob Wirtschaftlichkeit ein „vernünftiger Grund“ ist – daran zweifeln immer mehr Hühnerhalter, Tierschützer und Politiker. Allen voran der nordrhein-westfälische Landwirtschaftsminister Johannes Remmel. Er will, dass ab dem 1. Januar nächsten Jahres mit dem Schreddern der Küken Schluss ist. Allerdings gibt es in Nordrhein-Westfalen kaum Legehennenhalter. Ganz anders als in Niedersachsen. Doch auch hier sprach sich Minister Christian Meyer für ein Verbot aus – jedoch ohne ein konkretes Datum zu nennen.

Für den Bauckhof jedenfalls lohne sich der Bruderhahn, so Arndt. „Wahrscheinlich könnten wir doppelt so viele verkaufen und hätten immer noch zu wenige.“ Selbst das Fleisch der Legehennen kann der Betrieb gut vermarkten, als Suppenhuhn oder für Frikassee. „Und garantiert nicht mit Exporten nach Afrika“, so Wieckmann.

Auf der Website der Initiative sind alle Höfe aufgelistet: http://www.bruderhahn.de/wir_ergreifen_die_initiative/#erzeuger