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Schillerndes für die Seele

Kulturzeugnis, Biotop und Genreservoir – Obstalleen und Streuobstwiesen haben viele Talente. Im Landkreis kümmern sich Aktive darum, dass sie und ihre Fruchtvielfalt nicht verloren gehen.

Von Roy Fabian

Goldparmäne. Geflammter Kardinal. Edelborsdorfer. Wer mit Olaf Anderßon einen Ausflug durch die Elbtalaue unternimmt, tut etwas für sein Vokabular. „Sehr lecker ist auch der Finkenwerder Herbstprinz“, sagt er. Die schillernden Namen sind untrennbar verbunden mit den knorrigen Stämmen, die entlang des Wegs zwischen Neuhaus und Bitter ihre Äste gen Himmel verdrehen. „Woanders
stehen Linden oder Eichen an den Straßen“, sagt Anderßon und weist aus dem Autofenster. „Hier in der Elbtalaue sind es Obstbäume.“ Seit einem Jahr leitet Olaf Anderßon den 2010 gegründeten Lüneburger Streuobstwiesenverein, der das überlieferte Wissen rund um die alten Apfel-, Birnen-, Kirsch- und
Zwetschgensorten der Region lebendig halten möchte. Die Obstbaumalleen etwa seien Zeugnis einer einmaligen Kulturlandschaft, sagt der promovierte Biologe und erzählt vom 17. Jahrhundert, als die Bauern, gebeutelt von den Folgen des Dreißigjährigen Kriegs, damit begannen, Wegränder, Ortszufahrten und Hofstellen mit Obstbäumen zu bepflanzen. Trotz knapper Ackerflächen sicherten sie so nicht nur die Versorgung mit frischen Früchten, die Bäume dienten auch als Schutz gegen die
rauen Winde des Nordens. Einen Teil der Ernte verkauften sie später an Handelsschiffe, die
die Ware nach Hamburg oder Berlin lieferten. Ein hübscher Nebenverdienst für viele.

LEBENSRAUM FÜR PFLANZEN UND TIERE

Die Bedeutung des Obsts für die Region ist jedoch nicht allein eine historische, wie sich an der alten Kreisstraße bei Bitter zeigt: Aus dem Stamm eines windschiefen Apfelbaums schlüpft ein Meisenpärchen. Von Flechten und Moosen bewachsen ist die Rinde, an manchen Stellen entblößt sie sterbendes Holz. Wo es wegfault, können Vogelverstecke entstehen. Und es zieht Insekten an, die wiederum zum Speiseplan der Meisen gehören. „Ein solch alter Baum ist schon ein echtes Refugium“,
sagt Anderßon. Auch Umweltverbände wie der NABU qualifizieren Streuobstwiesen als „Hotspots
der Biodiversität in West- und Mitteleuropa“. Mit rund 6000 Obstsorten beherbergen sie ein wichtiges Genreservoir für die Zukunft, zudem ziehen sie unzählige Tiere und Pflanzen an. Ausschlaggebend hierfür ist der Mensch: Er ist es, der die Alleen und Wiesen anlegt, in lockeren und gemischten Beständen von bis zu 120 Bäumen pro Hektar. Er ist es, der die Bäume veredelt, pflegt, beschneidet und die Wiesen beschützt, indem er sie als Viehweide oder zur Heumahd nutzt und so verhindert,
dass sich konkurrierende Sträucher und andere Gehölze breitmachen. Die daraus entstehenden „Savannen“, in denen lichter Wald mit Blumen- und Kräuterwiesen wechselt, sind Lebensraum für etwa 5000 Tier- und Pflanzenarten.

GEFÄHRDETES BIOTOP

Ihre Zukunft ist freilich ungewiss. Längst machen profitablere Plantagen den Löwenanteil der Obstproduktion für den Massenmarkt aus, auch hierzulande – in Monokulturen von 3000 Bäumen pro Hektar, gepäppelt mit hohem Düngereinsatz sowie mit Pestiziden vor Krankheiten und Unterwuchs geschützt. Überdies konzentriert sich der kommerzielle Anbau inzwischen auf gerade mal ein Prozent
der rund 2500 bekannten deutschen Apfelsorten. Im Laufe dieser Entwicklung wurden Streuobstwiesen
oft vernachlässigt. Ein Großteil der Standorte ging verloren. „Letztlich ist ein Apfelbaum eine Kulturpflanze, um die man sich kümmern muss“, begründet dies Olaf Anderßon. Auch Rodungen und Bauprojekte haben dazu geführt, dass Streuobstwiesen inzwischen auf der nationalen Roten Liste
gefährdeter Biotoptypen stehen.

Immerhin: Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland noch Bestände von 300.000 bis 500.000 Hektar. Im Lüneburger Raum zählen dazu etwa die Alleen der Elbtalaue, deren Bäume vor wenigen Jahren auf einer Strecke von 60 Kilometern erfasst, saniert und durch Jungbäume flankiert wurden. Zudem sei es
üblich, neue Streuobstwiesen als Kompensationsmaßnahme anzulegen, um bauliche Eingriffe in die Landschaft auszugleichen, sagt Stefan Bartscht, Fachbereichsleiter Umwelt beim Landkreis. Aufgrund ihrer ökologischen Bedeutung würden die Wiesen oft höher bewertet als die zur Bebauung vorgesehenen
Standorte. „Man benötigt dann für den Ausgleich weniger Fläche.“

ÄPFEL FÜR SELBSTVERSORGER

Was wie ein Trick anmutet, ließ im Landkreis eine Reihe neuer Streuobstflächen entstehen, etwa bei Rolfsen oder Amelinghausen. Doch wie werden sie und die alten Standorte langfristig gesichert? Indem man die Ausgleichsträger im Rahmen des Bauordnungsrechts zur Pflege verpflichte, sagt Bartscht.
Durch Kooperation und Nutzung, ergänzt Julia Gerdsen von Konau 11, einem Verein in dem gleichnamigen Dörfchen, der im Amt Neuhaus die Obstbäume entlang der Gemeindestraßen betreut. In einer Begegnungsstätte auf dem Koopmannshof, sagt sie, wolle man mit den Menschen vor Ort überlegen, was sich mit den Früchten der Region so alles anstellen ließe. Ideen, wie etwa gemeinsame Ernteeinsätze zur Selbstversorgung gebe es schon: „Toll wäre auch ein gemeinsamer Streuobstwiesensaft
in Zusammenarbeit mit örtlichen Mostereien.“

Dass dies funktionieren könnte, beobachtet Olaf Anderßon jedes Jahr im Spätsommer und Herbst: Vor allem ältere Menschen würden dann an den Alleen reifes Obst auf Anhänger verladen. „Die haben das einfach von Kindesbeinen an gelernt.“ Selbst aus Hamburg würden inzwischen Leute in die Elbtalaue
kommen. Und was sie nicht direkt verzehren oder zu Kuchen und Marmeladen verarbeiten, bringen die Obstsammler zu lokalen Saftherstellern.

RETTUNG VOR DEM KAMIN

Im benachbarten Landkreis Lüchow-Dannenberg hat die Mosterei Voelkel hierfür sogar eine spezielle Infrastruktur geschaffen: 2001 stieß das Unternehmen den Bio-Streuobstverein Elbtal an, der Flächen pachtet und an die Mitglieder unter Ökoauflagen zur Bewirtschaftung vergibt. Diese können die
Ernte dann gegen Bezahlung oder fertigen Most wieder an den Safthersteller abgeben. Zwar machten die jährlich angelieferten 80 bis 90 Tonnen bislang nur einen Bruchteil des Gesamtbedarfs von Voelkel aus, räumt die Vereinsvorsitzende Kirstin Wiegmann ein. „Allerdings nehmen wir für uns in Anspruch,
dadurch so manchen Baum vor dem Kamin bewahrt zu haben.“ Zudem erzielten einige Mitglieder bereits einen Nebenverdienst im vierstelligen Bereich. Laut Wiegmann, die bei Voelkel zugleich
als Umweltbeauftragte aktiv ist, plant das Unternehmen daher weitere Projekte. Auch der Lüneburger Verein geht auf dessen Initiative zurück. Er berät Obstbaumbesitzer und solche, die es werden wollen, organisiert Arbeitseinsätze und Baumpflegekurse und lädt Schulklassen zu Führungen ein. Neben
einer neu angelegten Wiese in Harmstorf unterhält er hierfür eine Modellfläche in der Kleingartenkolonie Am Schildstein. Mehr als 60 Sorten wachsen dort, darunter auch Goldparmäne und Finkenwerder Herbstprinz. Selbst Baumpatenschaften sind möglich.

LETZTLICH HABE DIE GANZE SACHE mit dem Streuobst schon viel mit Liebhaberei zu tun, resümiert Anderßon – und gerät ins Schwärmen. „Ein Spaziergang über eine Streuobstwiese“, sagt er, „der tut einfach der Seele gut.“