repair_web

Repair Café statt Deponie

Immer mehr Kunden ärgern sich, dass ihre Geräte schneller kaputtgehen. Was aber tun? Selbst reparieren in Lüneburgs erstem Repair Café!

Von Anja Humburg und Jacques Kommer

EIN TYPISCHER FALL – kaum ist die Garantie abgelaufen, zeigt das Gerät erste Macken. So ging es auch Marco Vonnahme. Sein Drucker ratterte, geriet ins Stottern und schließlich blieb das Papier im Einzug stecken. Ab auf die Müllhalde? „Viel zu schade!“, dachte sich der Lüneburger VWL-Student und griff selbst zum Schraubenzieher. Zusammen mit seinen Kommilitonen Moritz Heil und Oliver Hübner
gründete er vor knapp einem Jahr das erste Lüneburger Repair Café. Seither lädt das Trio alle Interessierten zweimonatlich ein, um gemeinsam defekte Geräte zu reparieren.

REPARIEREN IST ANGESAGT.

In immer mehr Städten eröffnen Repair Cafés – Orte, an denen man mithilfe von Elektrikern, Schneidern, Tischlern und Fahrradmechanikern kaputte Dinge des Alltags instand setzen kann. Kosten entstehen nur für Ersatzteile, die Experten arbeiten ehrenamtlich. Wer mag, kann für Raummiete und Werkzeug etwas spenden.

Das Konzept stammt aus den Niederlanden: Im Oktober 2009 eröffnete die Journalistin Martine Postma das erste Repair Café in Amsterdam. Postmas Idee verbreitete sich schnell. Inzwischen gibt es über 400 Repair Cafés weltweit, die regelmäßig, zumeist alle paar Wochen, ein Treffen anbieten. Neugründer
werden von der Repair Café Foundation unterstützt. Allein in Deutschland gibt es über 50 etablierte Repair Cafés, die das Logo der holländischen Stiftung nutzen. Andere nennen sich Reparatur-Treff oder Reparaturkaffee oder so ähnlich; etliche weitere sind in Planung.

Marco Vonnahme hatte schon positive Erfahrungen in der Fahrradselbsthilfewerkstatt KonRad gemacht, wo er neben dem Studium jobbt. „Warum sollte das, was wir bei KonRad seit vielen Jahren machen, nicht auch mit Elektronik oder Haushaltsgeräten funktionieren?“, fragte er sich. Ein Fahrrad schmeiße ja auch niemand weg, nur weil es einen Platten habe.

DAS ERSTE LÜNEBURGER REPARATURCAFÉ

Der Raum, in dem das erste Lüneburger Repair Café bislang stattfindet, gleicht den zig anderen Seminarräumen der Uni. Getünchte Wände, Stühle reihen sich aneinander. Doch statt Büchern, Tablets und College-Blöcken liegen ein Kasten mit Schraubenzieheraufsätzen, ein Lötkolben und ein Multimeter auf den Tischen. Das Werkzeug haben die Tüftler von zu Hause mitgebracht. Ein duftender Kuchen sorgt für gute Stimmung. Eine Hand voll Studenten ist gekommen und sitzt vor einem kaputten Wasserkocher und einem flackernden Laptop. Doch Bildschirme, Ladegeräte oder Lampen zu reparieren, erfordert einiges Knowhow – und das können die drei Initiatoren des Cafés inzwischen bieten. Der 24-jährige
Vonnahme öffnet sachte das Gehäuse einesDruckers und bringt mit ein paar Handgriffen und viel Feingefühl den Papiereinzug zum Laufen. Ein Wackelkontakt oder ein Spannungsproblem seien schnell behoben, doch für die komplexeren Fälle fehle es noch an professioneller Ausstattung. „Nicht jedes Gerät lässt sich so leicht reparieren“, sagt er. Bei einer Digitalkamera und einem Netzteil sei er nicht so erfolgreich gewesen, erzählt der Student. „Wenn das Gehäuse verklebt ist, kommt man oft gar nicht an den Verursacher des Problems, ohne etwas abzubrechen.“ Wer etwas von Zuhause mitbringt und selbst nicht so recht weiß, wie es zu reparieren ist, dem stehen die anderen Bastler mit Rat und Tat zur Seite. Sie begutachten die Geräte gemeinsam und suchen dann nach einer Lösung.

REPARIEREN SCHONT DEN GELDBEUTEL

Reparieren spart nicht nur wertvolle Rohstoffe, sondern oft auch bares Geld. „Nach fünf Jahren ging mein Monitor kaputt. Nachdem ich den Kondensator ausgetauscht hatte, hielt er noch weitere 15 Jahre“, erinnert sich Fred-Jürgen Hullerum an eine seiner ersten Reparaturen. Der Lüneburger Rechtsanwalt
repariert seit den 1980er-Jahren in seiner Freizeit Computer, Radios, Gitarren und Tontechnik. Gerade bei kleineren Defekten lohne sich die Reparatur. „Übermäßiger Energieverbrauch ist der einzige Grund, etwas wegzuschmeißen“, meint Hullerum. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: „Kaum jemand bietet hier in der Stadt noch Kleinreparaturen an“, beklagt sich der technikversierte Anwalt.

Was bei Autos noch als selbstverständlich gilt, ist bei den meisten anderen Dingen anscheinend aus der Mode gekommen: das Reparieren. In Deutschland werden jedes Jahr Unmengen Gebrauchsgegenstände weggeworfen – auch Dinge, an denen eigentlich nicht viel kaputt ist. Die Reparatur beim Fachhändler ist oft teurer als das Neugerät oder es gibt keine Ersatzteile mehr. Manches ist gar nicht defekt, sondern nur einfach nicht mehr „in“. Mode macht auch aus der Elektronikbranche ein schnelllebiges Geschäft.

GEPLANTER VERSCHLEISS?

Manche glauben sogar, dass viele Produkte absichtlich so konstruiert werden, dass sie schnell kaputtgehen. Die Wirtschaft zwinge uns dazu, Dinge in immer kürzeren Abständen neu zu kaufen. Das ökologische Desaster dieser Wegwerfproduktion werde dabei wortwörtlich „in Kauf“ genommen. Tatsächlich gibt es Produkte, die für diese Theorie sprechen: Für Tintenstrahldrucker zum Beispiel ist bekannt, dass in vielen Modellen ein elektronischer Tropfenzähler eingebaut ist. Der Drucker stellt nach einer voreingestellten Anzahl von Ausdrucken automatisch den Dienst ein.

Auch Energiesparlampen könnten 6000 bis 8000 Stunden halten, meint Christian Kreiß, Professor für Finanzierung und Wirtschaftspolitik an der Hochschule Aalen: „Trotzdem gehen sie oft schon nach weniger als 3100 Stunden kaputt.“ Dass sie sechs- bis achtmal so lange haltenwie herkömmliche Glühbirnen, sei zwar richtig – allerdings nur, weil auch die Lebensdauer der Glühlampe von den Herstellern reduziert wurde. In der Fachsprache heißt diese bewusste Reduktion: geplante Obsoleszenz. Diese Geschäftsidee soll in den 1920er-Jahren geboren worden sein. Damals einigten sich angeblich die führenden Hersteller von Glühbirnen – das sogenannte Phoebus-Kartell – darauf, die Lebensdauer der Glühfäden in ihren Birnen zu verkürzen, um den Absatz künstlich hochzutreiben.

Doch nicht alle unterstützen die These von der geplanten Obsoleszenz. Die Stiftung Warentest hat bei ihren Tests bislang keine Anhaltspunkte dafür gefunden. Auch Randolf Hanke vom Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS in Erlangen argumentiert, dass es bei einigen Geräten zwar Schwachstellen gebe, allerdings nur, weil für sie keine bezahlbare Alternative da sei. Kabelverbindungen
zwischen Gerät und Bildschirm eines Laptops, die bei jedem Aufklappen stark belastet werden, seien da ein Beispiel. Dort arbeite man an besseren Materialien. – Was und wem soll der Verbraucher glauben?

QUALITÄT RECHNET SICH LANGFRISTIG

„Heute wehren sich immer mehr Kunden gegen die Strategie der Sollbruchstellen“, sagt Stefan Schridde. Der Berliner Betriebswirt ist einer der bekanntesten Kämpfer gegen die geplante Obsoleszenz. Er betreibt eine Internetseite (www.murks-nein-danke.de), auf der man rauchende Toaster und andere defekte Produkte melden kann. Die Idee zu der Seite kam ihm, nachdem er die arte-Dokumentation
„Kaufen für die Müllhalde“ im Fernsehen gesehen hatte. Schridde war fassungslos, als er sah, dass der dadurch zusätzlich erzeugte Elektroschrott zum „Recyceln“ nach Afrika verschifft wird. Er beschloss, selbst etwas zu unternehmen. Heute hat seine Website knapp 19.000 Facebook-Fans.

Das vorzeitige Altern der Geräte schürt Unmut unter den Verbrauchern. Den bekommt auch Lüneburgs Fachhandel zu spüren: „Immer mehr Kunden beschweren sich bei uns, dass die Produkte so schnell kaputtgehen“, sagt Anja Basner, die seit 1994 im Verkauf von Electro Kaufer am Clamartpark arbeitet. „Markengeräte haben früher 15 bis 20 Jahre gehalten. Heute überdauert keins länger als acht oder zehn Jahre“, sagt sie. Der Einzelhandel könne nicht mehr tun, als den Ärger an den Hersteller weiterzugeben,
denn der sei in der Verantwortung. Längere Haltbarkeit bedeutet manchmal einen deutlich höheren Preis. Das lohnt sich wiederum nur bei teuren Qualitätsgeräten.

Umstritten ist also, welche Verantwortung der Kunde trägt, der oft nicht bereit ist, für bessere Qualität mehr zu zahlen. Schridde sieht dennoch in erster Linie die Industrie in der Pflicht, anders zu produzieren, und kämpft dafür an drei Fronten gleichzeitig: Er ist im Gespräch mit Bundestagsabgeordneten verschiedener Fraktionen, verhandelt mit dem Chefproduktentwickler von Siemens und gibt Fernseh- und Radiointerviews. Trotzdem – getan hat sich bislang wenig: Das erhoffte Versprechen der Industrie, Produkte nachhaltiger zu konzipieren, blieb aus. Einen weiteren Ansatz gibt es jedoch: Das Gütesiegel HTV-Life ist das erste Label in Deutschland gegen geplante Obsoleszenz.
Vergeben wird es vom Testinstitut HTV in Bensheim. Das kommerzielle Unternehmen betont, die zertifizierten Telefone und Receiver seien nicht teurer als vergleichbare Geräte ohne Prüfsiegel.

PROFESSIONELLE HILFE

Wer selbst keine Zeit zum Reparieren hat, kann sich über die steigende Zahl professioneller Anbieter für Reparaturen freuen. Die Internetplattform mein-macher.de bietet bundesweit einen Suchservice für Reparaturen verschiedenster Geräte, vom Akkubohrer über die Espressomaschine bis zum Ventilator – auch für Lüneburg. „Handys zu reparieren, ist ein Geschäftsmodell, das sich lohnt“, sagt Collin Scholl. Der Elektrotechniker arbeitet in der Werkstatt von Lüneburgs Handydoktor Bilotech an der Reichenbachbrücke. Seit 2011 werden hier zersplitterte Displays von Smartphones ausgetauscht, Platinen gelötet oder Ladegeräte erneuert. Hinter der Verkaufsfläche verbirgt sich eine hochspezialisierte Werkstatt, ausgestattetmit Antistatikmatten, Heißluftfön, Bürstchen, Wärmeleitpaste, Zangen und Mikrofasertüchern. Die Arbeit der Handyärzte erinnert an die eines Uhrmachers, der mit größter Vorsicht unter der Lupe die Defekte ortet. Scholl und seine fünf Kollegen sitzen an ihren Werkbänken und haben gut zu tun: 20 bis 30 Handys repariert allein Bilotech am Tag. Seine Kunden zahlen im Schnitt etwa 100 Euro für eine Reparatur. Auch Mitbewerber iPassions an der Neuen Sülze kann sich nicht beklagen. Die große Nachfrage zeigt, dass sich das Bewusstsein langsam wandelt: Nicht immer muss gleich ein neues Gerät her, sobald das alte eine Macke hat.

REPARIEREN UND VORBEUGEN

Regelmäßige Öffnungszeiten gibt es bei Vonnahmes Repair Café noch nicht. Doch  anders als bei den kommerziellen Anbietern, geht es bei den Repair Cafés nicht darum Geld zu verdienen, sondern alltagstaugliches Reparaturwissen zu vermitteln und den Umgang mit den Produkten zu verändern. Künftig bietet das Repair Café auch Kurse an, um die Langlebigkeit technischer Geräte zu fördern,
noch bevor sie kaputtgehen. „Wer weiß, wie man einen Lüfter reinigt, der kann das einmal pro Jahr machen und vermeidet, dass der Laptop heiß läuft“, erläutert Vonnahme. Bald soll nicht mehr nur auf dem Campus repariert werden. Rechtsanwalt Hullerum möchte ein öffentliches Repair Café mitten in der Stadt zwischen am Sande und Rathaus schaffen. Dort soll gegen einen Kostenbeitrag gemeinsam repariert und voneinander gelernt werden können. Noch ist Hullerum auf der Suche nach Unterstützern. Seine Ziele: Hilfe zur Selbsthilfe und weniger Müll.

Murks melden oder die Dinge selbst in die Hand nehmen unter: http://www.murks-nein-danke.de und https://www.reparatur-initiativen.de/